Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 12 (N.F.) (XII=48)

Abb.  8.  Traditionscodex  von  Diessen.  Widmungsblatt  mit  Bildnissen
andechsischer  Fürsten:  Heinrich  I.  (von  Wolfratshausen),  Otto  II.  (Bischof  von
Bamberg),  Heinrich  II.  (Bischof  von  Regensburg),  Bertold  III.

DER  BERTOLDUS-KELCH  AUS  DEM  KLOSTER  WILTEN.
VON  HEINRICH  KLAPSIA.
Geschichte.
B ertold  III.,  Markgraf  von  Andechs  (reg.  1148  —1188\  Abb.  8),  war  sehr  mächtig  und  vermögend. 1  Der
Name  seines  Hauses  hatte  einen  guten  Klang.  Immer  wieder  wußte  er,  wie  wenige  unter  seinen  Zeitgenossen, ­
  das  Gewicht  seines  Einflusses  in  die  Waage  zu  werfen.  Sein  älterer  Bruder  Poppo  hatte  1147  das
Kreuz  genommen  und  fand  auf  diesem  Kriegszug  den  Tod.  1157  fiel  Bertold  nach  dem  Tode  seines  Vetters
Heinrich  II.  die  Grafschaft  von  Wolfratshausen  zu.  Zwar  bediente  der  Andechser  sich  nicht  dieses  Titels,
doch  kam  dies  Erbe  einer  erheblichen  Mehrung  seiner  Hausmacht  gleich.  1158  stießen  dazu  die  Grafschaften
Neuburg,  Schärding  und  Wimberg.  In  Kärnten  und  Krain  fielen  ihm  Güter  aus  der  Familie  seiner  Mutter  zu.
Sein  Bruder  Otto  VI.,  der  als  Erwählter  1165—1170  in  Brixen  saß,  machte  ihn  zum  Vogt  des  Hochstiftes
Brixen  und  der  Chorherrn  zu  Neustift.  Er  brachte  ihm  in  weiterer  Folge  auch  die  Grafschaft  des  Unterinntales
zu.  Alle  Zeit  ist  der  Name  Bertolds  III.  in  der  Umgebung  des  Kaisers  zu  finden.  Noch  1137  zog  er  mit  Lothar
über  die  Alpen.  1147—1180  stand  er  im  Kreuzheer  Konrads  III.  und  ist  später  immer  wieder  an  der  Seite
Friedrichs  I.  zu  finden.  Seine  bayrischen  Lehen  brachten  ihn  zu  Heinrich  dem  Löwen  in  engere  Beziehung.
1173  erhielt  er  endlich  als  unmittelbares  Reichslehen  die  Markgrafschaft  Istrien.  Seinem  Sohne  Bertold  IV.
erwirkte  er  die  ansehnlichen  Titel  eines  Herzogs  von  Dalmatien  und  Kroatien,  die  seit  1195  als  »Meranien«
zusammengefaßt  erscheinen.  Es  hat  zudem  den  Anschein,  daß  nach  1186  der  jüngere  Bertold  dem  seit  1180
gebildeten  Reichsfürstenstand  angehörte.
Niemals  stand  im  Zweifel,  daß  einer  dieser  Bertolde  der  Stifter  des  Henkelkelches  aus  dem  Prämonstratenserstift
  Wilten  bei  Innsbruck  ist.  Im  Jahre  1180  waren  Vater  und  Sohn  mit  dem  Propst  des  Klosters
1  Schrifttum  zu  der  Geschichte  des  Hauses  Andechs  -  Meranien:  Edmund  Frh.  v.  O  e  f  e  1  e,  Geschichte  der  Grafen  von
Andechs  (Innsbruck  1877);  Adalbert  Kempfier,  Bertold  III.  von  Andechs  (Festgabe  Alois  Knöpfler  zum  60.  Lebensjahr,
München  1907);  Georg  Herlitz,  Geschichte  der  Herzoge  von  Meran  aus  dem  Hause  Andechs  (Diss.  Halle  1909).

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