Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 12 (N.F.) (XII=48)

SPsSBsBbBi

ALBRECHT  ALTDORFERS
KÜNSTLERISCHE  HERKUNFT  UND  WIRKUNG.
VON  LUDWIG  VON  BALDASS.
Trotz  zahlreicher  in  den  letzten  Jahrzehnten  unternommener  Versuche  harren  die  Fragen  der  Herkunft  Ab-X
  leitung  und  Wirkung  des  Stiles  Albrecht  Altdorfers  noch  der  Klärung.  -  Diese  Fragen  hängen  zusammen
mit  dei  ganzen  Kunstrichtung,  als  deren  vornehmster  und  wichtigster  Repräsentant  Altdorfer  anzusehen  ist
der  sogenannten  »Donauschule«.  Seit  dem  1907  erschienenen  Buche  von  H.Voß:  Der  Ursprung  des  Donaustüs,
  ist  diese  Bezeichnung  eine  allgemeine  geworden.  Man  faßt  unter  ihr  die  Tafelmalerei  des  bajuwarischen
Stammes,  also  die  Kunst  von  i.rol,  Bayern  und  Österreich  im  ersten  Drittel  des  16.  Jahrhunderts  zusammen,
verbindet  mit  ihr  aber  auch  einen  Stilbegriff,  indem  man  nicht  alle  in  diesen  Landstrichen  und  in  dieser  Zeit
entstandenen  Werke  als  Donauschulbilder  bezeichnet,  sondern  nur  jene  Schöpfungen,  die  einen  ganz  bestimmten
unstcharakter  zeigen.  Y'or  allem  sind  die  im  16.  Jahrhundert  tätigen  Nachläufer  des  rein  spätgotischen  Stiles,
auch  wenn  sie  ein  so  eigenartiges  Gepräge  zeigen  wie  etwa  der  Meister  des  Krainburger  Altares, 1  nicht  dem
Donaustil  zuzuzählen.
Die  Werke  des  Donaustils  kennzeichnet  vor  allem  ein  neues  Verhältnis  des  Malers  zur  Landschaft-  und
zur  Raumdarstellung  und  eine  neue  Auffassung  des  Bildthemas,  also  eine  andere  Einstellung  des  Künstlers
zum  Inhalt  der  Darstellung.  Die  Landschaft  ist  nicht  schmückendes  Beiwerk,  sondern  wie  der  Innenraum
wir  dicher  Schauplatz  der  Handlung,  zu  dem  die  Figuren  nun  zumeist  im  richtigen  Größenverhältnis  stehen.
Dem  Maler  ist  es  ferner  vor  allem  um  die  Erfassung  des  Gesamtcharakters  eines  Landschaftsbildes  zu  tun.
Die  Darstellungsart  ist  selten  ruhig  und  kühl,  sondern  meist  leidenschaftlich.  Der  Inhalt  ist  dem  Künstler
meistens  wichtiger  als  die  Form,  er  verzichtet  gern  auf  Richtigkeit  der  Formdarstellung,  um  der  gewünschten
Stimmung  ganz  Rechnung  tragen  zu  können.  Das  Herausarbeiten  dieser  Stimmungseffekte  ist  häufig  das  Wesentliche ­
  am  Bilde.  Man  kann  es  nur  mit  dem  einer  viel  späteren  Kunstauffassung  entlehnten  Ausdruck  romantisch
bezeichnen.  Dabei  ist  diese  Romantik  nie  kühl  verstandesmäßig  ergrübelt  oder  empfindsam  gesteigert,  sondern
stets  von  warmem  Leben  durchpulst  und  wirkt  daher  immer  vollkommen  unmittelbar.  Auch  wenn  wir  die
Leidenschaftlichkeit  dieses  Stiles  umschreiben  wollen,  nehmen  wir  eine  Anleihe  bei  der  Terminologie  der
Literaturströmungen  des  18.  Jahrhunderts  und  sprechen  von  Sturm  und  Drang.
Diese  Donauschule  entfaltet  eine  breite  künstlerische  Tätigkeit,  um  deren  Erforschung  sich  vor  allem
Gelehrte  der  jüngeren  Generation,  in  erster  Linie  Otto  Benesch,  Ernst  Büchner  und  Peter  Halm,  aber  auch
eine  Reihe  anderer,  verdient  gemacht  haben.
Klärung  der  offenen,  einander  übergreifenden  Fragen  brachte  die  große  Ausstellung:  Albrecht  Altdorfer  und
sein  Kreis,  die  im  Sommer  1938  zum  Gedächtnis  des  vierhundertsten  Todesjahres  Altdorfers  in  der  Münchner
Staatsgalerie  veranstaltet  worden  ist.  Sie  enthielt  das  gesamte  Werk  Altdorfers,  soweit  es  sich  in  Deutschland
befindet,  sie  enthielt  die  Werke  jener  Künstler,  die  bisher  als  Vorläufer  Altdorfers  angesehen  worden  sind  und
sie  enthielt  die  Schöpfungen  fast  aller  irgend  wichtigen  Künstler  des  Donaustils.  Mit  dieser  großartigen  Schau,
die  zum  erstenmal  ein  unmittelbares  Vergleichen  ermöglichte,  hat  ihr  Anreger  und  Veranstalter  Ernst  Büchner
der  Wissenschaft  einen  unschätzbaren  Dienst  geleistet.  Der  Katalog  der  Ausstellung  mit  seinem  ausgezeichneten
Literaturverzeichnis  und  seinen  wissenschaftlichen  Anmerkungen  gibt  Aufklärung  über  alle  Einzelfragen.  Erst
durch  diese  Ausstellung  ist  es  möglich  geworden,  einer  Reihe  offener  Fragen  wirklich  nahe  zu  treten.
Die  Vorläufer  Altdorfers  in  Bayern,  Tirol  und  Österreich  beginnen  als  letzte  Vertreter  des  spätgotischen
Stiles,  den  zu  uberwinden  sie  bestimmt  sind.  Sie  sind  zumeist  ungefähre  Zeitgenossen  Dürers,  also  um  etwa
ein  Jahrzehnt  älter  als  Altdorfer.  Der  Beginn  ihrer  Tätigkeit  fällt  daher  durchwegs  in  die  Neunzigerjahre.  Die
meisten  unter  ihnen  sind  auch  noch  zu  Beginn  des  16.  Jahrhunderts  von  der  neuen  Dürerschen  Kunst  unbeeinflußt ­
  geblieben.
Diese  Vorläufer  gehören  also  noch  nicht  der  eigentlichen  Richtung  der  Donauschule  an,  sie  bereiten  nur
den  Boden  für  diese  Kunst  und  sind  daher  für  unsere  Erkenntnis  vom  Wachsen  dieses  Stiles  von  besonderem
Interesse.  Nicht  alle  Künstler,  von  denen  hier  die  Rede  sein  wird,  haben  direkt  auf  Altdorfer  eingewirkt,

Vgl.  Benesch,  Wiener  Jahrbuch  für  Kunstgeschichte  1930  (VII)  und  1932  (VIII).

117
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.