Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 12 (N.F.) (XII=48)

Otto  Demus

DIE  WERKSTÄTTE.

An  das  Ende  dieser  Reihe  von  Werken ­
  —  Wand-  und  Tafelmalereien  —  die
dem  Meister  mit  guten  Gründen  zugeschrieben ­
  werden  dürfen, 189  ist  noch  ein  Wandgemälde ­
  zu  setzen,  das  1935  ' n  der  offenen
Vorhalle  der  Filialkirche  von  Unterwinklern ­
  bei  Velden  (Abb.  iog)  zutage  kam. 190
Das  mit  einer  patronierten  Borte  gerahmte
Fresko  (föSXi'go)  zeigt  drei  stehende  Figuren: ­
  von  links  nach  rechts  St.  Wolfgang
mit  Pedum,  Kirchenmodell  und  Beil,  St.  Michael ­
  mit  Waage  und  Schwert  und  St.  Leonhard ­
  mit  Abtstab  und  Kette,  auf  grünem
Rasenstreifen  vor  graugrünem  (ursprünglich
blauem?)  Hintergrund. 191  Eine  eingekratzte
Besucherinschrift  zeigt  die  Jahreszahl  1490
und  weist  das  Gemälde  in  die  Zeit  vor  die-Abb.
  109.  Unterwinklern,  Filialkirche;  Fresko  sem  Jahr.  Wolfgang  entspricht  den  Bischofsi\\oltgang,
  Michael  und  Leonhaid  gestalten  des  Bozener  Altars  (Abb.  101—/ojJ,
die  Figur  des  heiligen  Michael  kehrt  mit  geringen  Veränderungen  in  Thörl  (Figur  über  dem  Himmelstor,
oberhalb  der  symbolischen  Kreuzigung.  XI,  Abb.  63)  wieder,  der  Heilige  Leonhard  findet  sich  in  der  Villacher
Tafel  (Abb.  104).  Diese  Entsprechungen  sind  überzeugend  genug,  um  das  Werk  in  die  nächste  Nähe  des  Meisters
zu  rücken.  Für  die  relative  Einordnung  käme  die  frühe  und  mittlere  Zeit  des  Meisters  in  Frage,  also  wohl
die  Sechziger-  oder  Siebzigerjahre  des  15.  Jahrhunderts.  Die  Starrheit  der  Figuren  und  die  verhältnismäßige
Roheit  der  Mache  legen  aber  die  Annahme  nahe,  daß  es  sich  dabei  nicht  um  ein  eigenhändiges  Werk  des
Meisters  handelt,  sondern  um  eine  Werkstattarbeit.
Das  Fresko  in  Unterwinklern  dürfte  übrigens  nicht  das  einzige  Werk  des  Gerlamoosers  sein,  an  dem
Gesellenhände  tätig  waren.  Auch  bei  den  Gerlamooser  (unterste  Reihe)  und  den  Thörler  Fresken  ist  Grund
für  die  Annahme  der  Mitarbeit  einer  Werkstätte  vorhanden.  Es  wäre  ja  auch  seltsam,  wenn  dieser  zweifellos

bedeutendste  Kärntner  Maler  der  zweiten  Hälfte  des  15.  Jahrhunderts,  der  eine  dominierende  Stellung  ein

genommen  haben  muß,  nicht  eine  Werkstätte  mit  Gehilfen  unterhalten  hätte. 192  Ob  seine  Altäre  reine
Tafelaltäre  waren,  oder  ob  sie  Plastiken  enthielten,  wissen  wir  nicht.  (Nur  beim  Trefflinger  Altärchen  ist  es
sicher,  daß  der  Mittelschrein  eine  Plastik  beherbergte;  sie  ist  aber  nicht  mehr  vorhanden.)  Es  können  daher
auch  keine  Vermutungen  darüber  angestellt  werden,  ob  in  seiner  Werkstätte  und  unter  seiner  Leitung  auch
189  Was  ihm  unseres  Wissens  sonst  noch  zugeschrieben  wurde,  hat  nichts  mit  ihm  und  seinem  engsten  Kreis  zu  tun.  Im
folgenden  werden  die  Arbeiten,  die  in  seine  Nähe  gerückt  wurden,  unter  Angabe  des  Autors  der  Zuschreibung  kurz  aufgezählt:
O.°Pächt,  a.  a.  O.,  S.  82:  »Burg  Kreuzenstein,  Fürbittende  Maria,  Schmerzensmann  und  Stifter.  Votivbild  des  Frater
Ulrich  Kirchburg  aus  Wien.  1465  datiert.  Den  Tafeln  aus  Stift  St.  Peter  (Wien)  nahe  verwandt.  Aus  St.  Lambrecht.«  O.  Fi  scher,
a.  a.  O.,  S.  57  t'.  setzt  die  Tafeln  aus  St.  Peter  (Wien)  in  die  Nähe  des  Ausseer  Altars  von  1449.  W.  Suida,  Monatshefte  1.
Kunstwissenschaft,  1908/1,  S.  526,  Anm.,  bringt  eine  Kreuzigung  im  Museum  von  Basel  (dort  dem  Meister  der  Wiener  Kreuzigung
zugeschrieben;  Fischer,  a.  a.  O.,  Taf.  12)  mit  dem  Bild  in  Abtei  (»Beweinung  Christi«  in  St.  Leonhard  in  Kärnten)  zusammen.
Auch  eine  Tafel  (Kreuzigung  mit  Magdalena,  Sebastian,  Rochus  und  einem  Engel)  in  der  Paramentenkammer  zu  Admont,  die
versuchsweise  (unpubliziert)  dem  Meister  zugeschrieben  wurde,  zeigt  nur  wenig  Berührungspunkte.  Pis  handelt  sich  bestenfalls
um  eine  abliegende  Parallelerscheinung.  Dasselbe  gilt  für  die  Miniaturen  des  Millstätter  Antiphonars  in  der  Grazer  Universitätsbibliothek. ­
  Photos  der  beiden  letztgenannten  Werke  verdanke  ich  dem  gütigen  Entgegenkommen  der  Herren  Regierungsrat
Dr.  K.  v.  Garzarolli  und  Hofrat  Dr.  Eichler,  Graz.  —  Keines  der  genannten  Werke  steht  auch  nur  in  der  Nähe  des  Meisters.
190  Das  Fresko  wurde  von  Prof.  Chr.  Martin  (Wien)  entdeckt  und  von  Dr.  F\  Walliser  (Wien)  freigelegt.  Vgl.  O.  Demus
in:  Deutsche  Kunst-  und  Denkmalpflege,  1935,  Heft  10,  S.  242.  Der  Erhaltungszustand  des  Gemäldes  ließ  manches  zu  wünschen
übrig.  Die  notwendigen  Ergänzungen  wurden  aber  mit  allem  Takt  durchgeführt  und  sind  als  solche  leicht  kenntlich.
191  Farben:  getöntes  Weiß,  Ocker,  gebranntes  Siena,  Ziegelrot,  Braunviolett,  Olivgrün.  Nimben  stuckiert.  Spuren  von  Vergoldung ­
  sind  nicht  mehr  festzustellen.
192  Allgemeines  über  den  Werkstättenbetrieb  des  späten  Mittelalters  bei  H.  Huth,  Künstler  und  Werkstatt  der  Spätgotik, ­
  Augsburg  1923.  Über  die  Nachfolge  siehe  unten,  S.  113.

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