Otto Demus
Abb. 95. Schloß Finstergrün (jetzt Klagenfurt, Museum); vier Altarflügel
(Ursula, Barbara, Benedikt und Sebastian).
Das Werkchen wird in verhältnismäßig nahe Nachbarschaft zum Trefflinger Altärchen (Abb. 92—94)
zu rücken sein. Neu im Inhaltlichen ist die erstrebte Vertiefung des Ausdruckes ins Stille, Seelisch-Gehaltene,
Melancholische. Die seelische Haltung der Gerlamooser Figuren kündigt sich bereits an. Neu ist auch die
starke Betonung des Linearen in den Säumen der Gewänder (Ursula und Barbara). Das Lineament ist aber,
soweit es durch weiße Säume markiert ist, zaghaft, unfrei. Wie ausgeschnittene flache Reliefs stehen die
Figuren auf dem abschüssigen Bodenstreifen vor der Brüstungsmauer. Die Standmotive sind bei den männlichen
Heiligen geziert, die Körper überschlank. Es ist das in dem oberrheinischen Stecher ES am deutlichsten
verkörperte Stilwollen der preziös werdenden Spätgotik, das hier zu Worte kommt. Man darf weitergehen
und hier bereits an einen direkten Einfluß des ES, bzw. an eine Auseinandersetzung mit ihm denken. 124 Wenn
aber eine direkte oder doch nicht allzu weitläufige Beziehung des Gerlamoosers zum Formenschatz des Stechers
ES angenommen werden darf, so ist die Rückbildung der übernommenen Formen, bzw. ihre Einpassung in den
Formenkanon des weichen Stils umso seltsamer. Überall dominiert das Rundliche, weich Schwingende. Es wäre
vielleicht gewagt, vor diesen in der Gesamthaltung doch noch recht unsicheren Frühwerken des Meisters schon
von einem bewußten Stilwollen zu sprechen. Wahrscheinlich handelt es sich vorderhand nur um die Unfähigkeit
zur Assimilation des Fremden. Erst allmählich wird sich der Meister seiner Möglichkeiten bewußt.
BOZEN., MUSEUM.
Einen wesentlichen Schritt in dieser Richtung bedeuten die acht Tafeln des Museo Civico in Bolzano
(Abb. 96 joj). 125 Jede der zirka 76: 34 cm messenden hochrechteckigen Tafeln zeigt eine stehende Gestalt in
ganzer Figur vor einer gemalten Brüstung. Dargestellt sind sechs männliche Heilige (Johannes der Täufer,
Andreas, Achatius, Rupert, Erasmus und Ulrich), St. Helena und die Madonna. Sämtliche Tafeln, die älterer
Musealbesitz sind und wahrscheinlich im Kunsthandel erworben wurden, 126 stammen von einem und demselben
Altar. Sie gehören als entzweigesägte Vorder- und Rückseiten paarweise zusammen. Auf Grund der
Holzmaserung läßt sich die Zusammengehörigkeit feststellen. 127 Es bildeten die Vorder-, bzw. Rückseiten einzelner
Flügel: Madonna —Erasmus; Andreas — Rupert; Johannes Baptista — Ulrich; Helena — Achatius. Die
124 Der in großer Kurve sich einwärts schwingende Mantelsaum (Ursula, linker Saum) findet sich bei ES (L. 92, L. 160
u. s. w.); auch andere Faltenmotive dürften aus dieser Quelle stammen.
125 Photos, Maßangaben und andere Mitteilungen verdanke ich Herrn Direktor Dr. Wart Arslan, dem ich für sein
liebenswürdiges Entgegenkommen an dieser Stelle noch besonders danken möchte. Pacht, Österr. Tafelmalerei der Gotik.
Augsburg 1929, S. 84, spricht nur von sechs Tafeln, stellt sie aber richtig (allerdings mit falscher Datierung, um 1430) in die
Nahe der Gerlamooser Fresken. Vgl. auch B e n e s c h, Grenzprobleme der österreichischen Tafelmalerei. Wallraf-Richartz-Jahrbuch,
N.P., Bd. 1, 1930, S. 86 (sechs Tafeln), um 1460 datiert. A. Morassi, Storia della pittura nella Venezia Tridentina, Roma 1934,
hält die Tafeln für südtirolisch, erste Hälfte des 15. Jhdts. Vgl. W. Arslan (in der Besprechung des Werkes von Morassi),
Studi trentini di scienze storiche, XVI, 1935, fase. 2, S. 147.
126 Freundliche Mitteilung von Direktor Dr. W. Arslan.
127 Die Feststellung erfolgte durch Dr. W. Arslan.