Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 12 (N.F.) (XII=48)

Der  Meister  von  Gerlamoos
die  zugespitzte  Typik,  all  das  sind  Besonderheiten,  die  auf  den  Gerlamooser  Meister  weisen.  Die  Stellung
im  Werk  des  Meisters  ist  unschwer  zu  bestimmen:  das  Altärchen  steht  den  Thörler  Fresken  von  allen  bisher
besprochenen  Werken  am  nächsten.  Genauer:  es  muß  vor  den  Thörler  Fresken  liegen  und  ist  das  älteste  bisher
bekannte  Werk  des  Meisters.  In  der  ikonographischen  Gestaltung  der  Leidensszenen  ist  deutlich  festzustellen,
daß  der  Weg  von  Ireffling  über  Thörl  nach  Gerlamoos  führt;  Thörl  ist  das  Zwischenglied  zwischen  den  beiden
anderen  Zyklen.  Im  Pilatusurteil  steht  es  dem  Trefflinger  Altärchen  näher  als  der  bereicherten  Fassung  von  Gerlamoos. ­
  In  der  Geißelung  aber  führt  das  Thörler  Bild  schon  die  Gestalt  Pilati  ein,  die  in  Treffling  noch  fehlt;  auch
in  der  stufenweise  abnehmenden  Krümmung  der  Hauptfigur  —  Christus  an  der  Martersäule  —  ist  der  Weg  von
Ireffling  über  Thörl  nach  Gerlamoos  eindeutig  und  geradlinig  festzustellen.  Die  Dornenkrönung  von  Thörl  ist
der  in  Treffling  bedeutend  näher  als  der  stark  abgeänderten  Komposition  in  Gerlamoos.  Allenthalben  wird  es
deutlich,  daß  Treffling  am  Beginn  der  Entwicklung  steht.  Die  besondere  Typik  der  Gesichtszüge  scheint  erst
in  Bildung  begriffen.  Bezeichnend  für  die  Frühzeit  ist  auch  die  marionettenhafte  Bewegtheit  der  Figuren,  die
bösartige  Intensität  in  der  Darstellung  quälender  Verrichtungen.  Das  Werk  zeigt  noch  keine  Spur  menschlichinhaltlicher ­
  Vertiefung.  Auch  entwicklungsgeschichtliche  Gründe  weisen  auf  die  Frühzeit:  so  das  Fehlen
italianisierender  Figuren  und  die  Unberührtheit  vom  niederländischen  Gefühls-  und  Körperrealismus.
Die  Flügel  sind  in  reiner  Tempera  gemalt,  die  kalten  Farben  dominieren.  Kleinteilige  Farbigkeit  und
Bewegtheit  beherrschen  den  Gesamteindruck. 12 '  Trotz  größerer  Figurenzahl  sind  die  Kompositionen  in  Thörl
und  Gerlamoos  übersichtlicher.  Die  Bildflächen  sind  mit  einem  Höchstmaß  an  bewegter  Lebhaftigkeit  gefüllt. ­
  Bezeichnenderweise  zeigt  sich  schon  hier  die  Eigenart  des  Meisters,  Nebenfiguren  vom  Bildrand  überschneiden ­
  zu  lassen.  Es  ist,  als  wollte  der  Maler  die  größtmögliche  Anzahl  möglichst  großer  und  stark
bewegter  Figuren  im  Bildfeld  unterbringen.  Es  handelt  sich  ihm  in  dieser  Frühzeit  —  wie  übrigens  auch  noch
in  Thörl  und  Gerlamoos  —  nicht  um  die  Füllung  eines  gegebenen  Rahmens;  die  äußere  Begrenzung  ist  beim
Aufbau  der  Szenen  kaum  in  Rechnung  gezogen,  sie  scheint  den  fertig  erdachten  Kompositionen  nachträglich
aufgezwungen  zu  sein.  Man  mag  in  dieser  Eigenheit  bereits  die  Tendenz  zur  großen  F'orrn  spüren.  Vorderhand
sprengen  die  Bilder  nur  den  Rahmen,  ohne  ihre  miniaturhafte  Kleinheit  und  Kleinlichkeit  verleugnen  zu
können.  Es  wäre  aber  falsch,  wollte  man  den  Formwillen,  der  hinter  der  gedrängten,  zum  Bersten  geladenen
Form  dieser  Gemälde  steht,  als  primitiven  horror  vacui  bezeichnen.
V  CH  L  OSS  FI  NS  TE  R  GR  ÜN.
Elbenfalls  in  die  Frühzeit  gehören  vier  Tafeln,  die  sich  in  der  Sammlung  des  Schlosses  Finstergrün  im
salzburgischen  Lungau  befinden  (Abb.  pj)- 122  In  schmalem  Hochformat  sind  vier  einzelne  Heilige,  zwei  männliche ­
  und  zwei  weibliche,  stehend  dargestellt.  Sie  dürften  paarweise  als  Vorder-,  bzw.  Rückseiten  von  Altarflügeln ­
  zusammengehören.  Ursula  und  Benedikt  (mit  Pedum,  Buch  und  Giftbecher)  dürften  den  linken,  Barbara
und  Sebastian  den  rechten  Flügel  eines  Altärchens  gebildet  haben.  Die  Herkunft  ist  nicht  mehr  zu  ermitteln.
Auch  die  sehr  geläufigen  Heiligen  bieten  keinen  Anhaltspunkt.  Die  Verbindungen  mit  dem  übrigen  Werk
des  Meisters  sind  —  abgesehen  von  der  unverkennbaren  stilistischen  Zugehörigkeit  —  zahlreich  genug,  um
die  Zuschreibung  zu  begründen. 123
121  Um  von  der  etwas  kreidigen  und  dumpfen  Farbigkeit  der  Tafeln  einen  Begriff  zu  geben,  werden  im  nachfolgenden
zwei  Teilbilder  beschrieben:  Geißelung:  Boden  rosa,  Mauer  des  Hintergrundes  graulila,  Grund  golden,  Säule  graugrün.
Schergen:  Figur  links  unten:  rotes  Unterkleid,  Oberkleid  blaugrün;  links  oben:  saftgrün;  Figur  rechts  oben:  graulila,  Kappe
blau;  rechts  unten:  Rock  saftgrün,  Beinlinge  weiß,  Schuhe  schwarz  mit  ockerfarbigem  Umschlag,  Kapuze  gelb.  Kreuzigung:
Boden  braunoliv,  nach  unten  fast  schwarz.  Kreuz  gelbbraun  gemasert.  Maria:  Mantel  weiß  mit  bläulichgrünem  Schatten,  Umschlag ­
  saftgrün,  Unterkleid  blaugrün;  Johannes:  Mantel  bleichrot,  F'utter  blaugrün,  Kleid  saftgrün,  Flaare  braun.  Grund  golden.
122  Eine  Photographie  der  Tafeln  verdanke  ich  Pleirn  Dr.  R.  Herzig-Wien,  dem  die  Abbildung  ohne  Angabe  der  Herkunft ­
  im  Wiener  Kunsthandel  in  die  Hände  gelangte.  Dr.  Herzig  traf  auch  die  Bestimmung  auf  den  Meister.  Ich  konnte  daraufhin
nach  der  Österr.  Kunsttop.,  XXII,  Pol.  Bez.  Tamsweg,  S.  163,  den  Standort  der  Tafeln  feststellen.  Maße  75  :  24  cm.  In  der
Österr.  Kunsttop.  sind  die  Tafeln  als  dem  16.  Jhdt.  angehörig  verzeichnet.  Die  Tafeln  sind  mir  nicht  aus  eigener  Anschauung
bekannt.  Nachtrag:  Während  der  Drucklegung  gelangten  die  Tafeln  ins  Museum  des  Kärntner  Geschichtsvereins  in  Klagenfurt.
123  Der  Typus  des  Sebastian  stimmt  ganz  mit  dem  Christi  im  Trefflinger  Altärchen  überein  (Geißelung,  Kreuzigung  [Abb.  94]).
Die  weiche,  gliederlose  Gestaltung  der  Hände  begegnet  auch  noch  in  späteren  Werken.  Die  Art,  wie  Ursula  den  geschulterten
Pfeil  hält,  kehrt  in  der  Figur  derselben  Heiligen  im  Grazer  Fresko  (XI,  Abb.  67)  wieder.  Ebenfalls,  allerdings  nur  in  Halbfigur,
die  Gestalt  des  heiligen  Benedikt  (XI,  Abb.  öS).  Die  Gesichtsbildung  der  weiblichen  Heiligen  wird  in  späteren  Tafelbildern  noch
ebenso  begegnen  wie  die  F'orrn  der  tellerartigen  Nimben,  der  Kronen.  Bezeichnend  für  den  Meister  ist  auch  die  Einfügung
der  steinernen  Balustraden  hinter  den  P'iguren.

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