Heinrich Klapsia,
Abb. 208. Detail aus Abb. 207.
Regenmäntel und Hüte herstellte. Unter diesen soge
nannten »Künstlern« ist dem Wachbossierer Neuberger
von dem Berichterstatter eine prominente Stellung ein
geräumt, was angesichts der übrigen künstlerischen »Er
lebnisse« nicht Wunder nimmt. Die Ausführlichkeit, mit
der der Besuch in Neubergers Werkstatt erzählt wird,
entspricht dem, was aus den Dokumenten über die
persönliche Stellung des Meisters zu entnehmen war.
Wenn ich daran erinnere, daß um diese Zeit in
Wien schon Künstler wie Lodovico Ottavio Burnacini
als Architekt, Strudl und Rauchmiller als Bildhauer
wirkten, so wird uns bewußt, in welcher krisenhaften
Phase der Entwicklung die habsburgische Hof kunst eben
begriffen war. Mit dem Regierungsantritt Leopolds 1.
scheint eine neue Epoche anbrechen zu wollen, deren
Kunstanschauung nichts mehr mit dem antiquarisch
historisch orientierten Geiste der Kunstkammern, der in
der Kunst um Ferdinand III. seine letzte große Aus
prägung erfuhr, gemein hatte. Es mag sein, daß die Be
strebungen Leopold Wilhelms einiges zur Geschmacks
bildung und zur künstlerischen Orientierung Leopolds I.
beigetragen haben. Die prominente Stellung des Vir
tuosentums im Rahmen der Hofkunst — ein Erbe des Manierismus — hat nun ihr Ende gefunden. Die Wiener
Werkstatt Daniel Neubergers ist ein spätes Beispiel dieser im Abklingen begriffenen »Kunst«. Neuberger selbst
blieb von dem allgemeinen Stilwandel nicht unberührt; seine grundsätzliche künstlerische Umorientierung um
1660 spiegelt den allgemeinen Prozeß wieder. Die Schöpfungen der leopoldinischcn Ära auf dem Gebiete der
bildenden Kunst wie auch der Musik sind durch die Befreiung von allen außerkünstlerischen Elementen des Vir
tuosentums gekennzeichnet.
FERDINAND NEUBERGER.
Das Ansehen, dessen sich der kaiserliche Kammerbossierer Daniel Neuberger bei seinen Zeitgenossen
erfreute, drängt wohl die übrigen gleichfalls als Wachsbossierer tätigen Mitglieder der Familie in den Hinter
grund. Seltsamerweise sagen weder die Augsburger Akten (vgl. Hampe, S. 128) etwas über Ferdinand, den
Bruder Daniel Neubergers, au«, noch scheint neben dem vielbeschäftigten Chef irgend ein Mitglied der
Familie in den Registern der Hoffinanz auf. Aus der bereits mehrfach zitierten Denkschrift Daniels (R. 2)
ist ein Zwist mit einem —- ungenannten — Bruder zu entnehmen. Daraus ist wohl die Anwesenheit Ferdi
nands 1651 in Wien zu erschließen. In späten Jahren war er für Johann Friedrich von Brandenburg-Ansbach
tätig; 44 doch scheint in dem Bericht über diese Tätigkeit auch ein teilweiser Irrtum zu walten. Bei Schütz 45
wird über Ferdinand Neuberger ausgesagt, daß er als Hof-Pousierer »die Arche Noae sehr künstlich und
tat in Wachs possiret, welches Kunststück als was besonderes zu Wien in der Kunstkammer verwahrlich
aufbehalten worden«. Ferner gäbe es »dergleichen noch eine große Battalie, von eben demselben verfertiget,
nebst anderen Curiosas mehr, so wegen der Weitläufigkeit nicht beschriben werden' können, zu sehen«.
Diese Nachricht würde für eine sehr reichliche Beschäftigung mit Aufträgen des Hofes sprechen. Bei der
sehr genau geführten Registratur der Hoffinanz ist es so gut wie undenkbar, daß ein so stark beschäftigter
Künstler ganz in den Registern fehlen würde! Von der »Arche Noae« fehlt jede Kunde. Die »große Battalie«
aber erinnert daran, daß unter den Arbeiten Daniel Neubergers häufig Schlachtendarstellungen, besonders
eine Alexanderschlacht gerühmt zu werden pflegen. Diese Umstände legen die Vermutung nahe, daß Schütz,
der über den Künstler Johann Friedrichs von Brandenburg-Ansbach etwas berichten wollte, irrtümlich statt
über Ferdinand über dessen Bruder Daniel Neuberger unterrichtet war.
44 F. H. Hofmann, Johann Friedrich von Brandenburg-Ansbach als Mäzen; »Bayerland«, 19. Bd. (1908), S. 77t.
45 Chr. Ph. Sinold, genannt Schütz, Corpus Historiae Brandenburgicae Diplomaticum, (s. a.) I. Bd., 3. Abhandlung, S. 24.