Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 9 (N.F.) (IX=45)

Ludwig  Münz,

in  ihrer  Vereinheitlichung,  die  Christus  die  höchste  Helligkeit  läßt  und  in  einem  Dunkel-Hell-Rhythmus  die
Trauernden  zeigt,  einem  Rhythmus,  der  in  gewaltiger  Ruhe  Maria  wie  die  Natur  selbst  umfaßt,  welche  in
diese  Elegie  eines  göttlichen  Schicksals  mit  einbezogen  ist:  trauernd  recken  blattlose,  dürre,  dunkle  Stämme
ihre  Äste  zum  Himmel.  Bei  allem  Reichtum  an  pittoresken  und  bizarren  »barocken«  Einfällen,  welche  große,
einfache  Ruhe  der  Klassik,  die  selbst  diese  »barocken«  Stilelemente  zu  harmonischer,  gewaltiger,  ruhiger
Klarheit  zu  bändigen  und  zu  verbinden  weiß.
Bei  Rembrandt  entsteht  aus  barocken  und  klassischen  Gegebenheiten  ein  Werk  wesensverschiedener
Form  und  Geistigkeit.  Die  klassische  Anregung,  die  Zeichnung  Polidoro  da  Caravaggios,  ist  völlig  umgeformt,
bei  allem  Vorhandensein  eines  eindeutigen  Verhältnisses  von  Vertikaler  und  Horizontaler  auch  auf  Rembrandts
  Werk,  nur  daß  dieses  Verhältnis  jetzt,  wenn  man  nur  die  Figuren  betrachtet,  in  seiner  Proportion
gewaltige  Übersteigerung  bedeutet.  Für  Rembrandts  Linearaufbau  ist  nicht  mehr  die  Ruhe  der  Zeichnung
Polidoro  da  Caravaggios,  wo  von  beiden  Seiten  Männer  um  Christi  Leichnam  bemüht  sind,  ausschlaggebend;
sondern  dadurch,  daß  bei  Rembrandt  der  stehende  Josef  von  Arimathia  auf  die  Gruppe  herabschaut,  ist
diese  völlig  aus  ihrer  harmonischen,  symmetrischen  Bindung  gelöst,  ein  mächtiger  Gegensatz  zwischen  der
Gruppe  um  Christi  Leichnam  (der  Horizontalen)  und  Josef  von  Arimathia  (der  Vertikalen)  geschaffen,  durch
den  die  Gruppe  um  Christi  Leichnam  besonders  hervorgehoben  erscheint.  Diese  Übersteigerung  kann  sich
dann  doch  wieder  aus  dem  einheitlichen  (und  in  diesem  Sinn  barocken)  Helldunkel  nicht  »harmonisch«
offen  entfalten,  sondern  hilft  nur  eine,  jedenfalls  nicht  barockklassische,  Spannung  schaffen,  in  ihrem  Gegensatz ­
  zu  dem  neuen  und  überraschenden  Motiv  der  Drastik  natürlich-logischer,  »rationaler«  Gestaltung,  welche
das  Dunkel  eines  grausigen  Grabgewölbes  überdeutlich  —  genrehaft  —  naherückt.
Der  Sinn  dieses  Vergleiches  ist,  endlich  einmal  an  einem  Beispiel  zu  zeigen  —  ebenso  lehrreich  wäre
der  Vergleich  zwischen  Rembrandts  und  Poussins  »Heilung  des  Lahmen«  —,  was  Barockklassik  ist,  und  festzustellen, ­
  daß  sich  Sinn  und  Aufbau  einer  barockklassischen  Komposition  bei  Verwandtschaft  einzelner  Teile
im  Grunde  von  Sinn  und  Aufbau  einer  Komposition  Rembrandts  unterscheiden,  da  in  dieser  nicht  der
eindeutig  sich  verbindende,  offene  Zusammenhang  von  linearem  Aufbau  und  Helldunkelführung  herrscht,
dessen  Folge  harmonische  Klarheit,  also  Klassik  ist.
2.  Christi  Predigt  von  der  Vergebung  der  Sünden,  oder  der  Altersstil  Rembrandts  und
die  Bedeutung  der  (manieristischen  und  barocken)  Affektübersteigerung  für  diesen.
Die  bisherigen  Vergleiche  von  Werken  Rembrandts  nach  1650  mit  Werken  der  klassischen  und
barockklassischen  Kunst  haben  gezeigt,  daß  in  Rembrandts  Klassizismus,  bei  Vorhandensein  von  Stilelementen, ­
  die  sich  in  Werken  klassischer  Kunst  zu  einfacher  harmonischer  Klarheit  verbinden,  Faktoren
wirksam  sind,  welche  dazu  führen,  daß  dieser  Rembrandtsche  Klassizismus  einen  Gegensatz  zu  jedem
Begriff  von  Klassik  (in  künstlerischem  Sinn)  bildet.  Bei  der  Homerzeichnung  erwies  sich,  daß  Rembrandt
eine  Übersteigerung  in  die  Komposition  trug,  die  nicht  »klassisch«  und  (wenn  man  an  die  Proportionierung
auf  Poussins  Zeichnung  denkt)  auch  nicht  einmal  barockklassisch  ist;  bei  der  Grablegung,  daß  Rembrandt
auch  durch  sein  Helldunkel  (wenn  man  nur  an  dieses  denkt  und  ganz  von  der  gewaltigen  Veränderung  des
Sinnes  absieht,  die  darauf  beruht,  daß  bei  Rembrandt  ein  Zuschauer  und  nicht  die  klagende  Maria  die
Vertikale  gibt)  eine  gewaltige  Spannung  schafft,  welche  allerdings  durch  ihre  naturalistische  Stimmung  in
ihrem  Pathos  nur  »heimlich«  wirken  kann.  Alles  dies  waltet  in  Rembrandts  Altersstil  bei  Kenntnis  »klassischer ­
  Vorbilder«,  bei  deren  »bewußter  Benützung«.  Welches  sind  nun  die  Elemente,  die  immer  wieder
die  harmonische  Tendenz  der  klassischen  Stilfaktoren  beeinträchtigen,  ja  diese  oft,  indem  sie  sie  als  Träger
bloßer  Kontrastsetzung  gegen  den  klaren  Gesamtsinn  erscheinen  lassen,  in  den  Bann  eines  ganz  anders
gerichteten  Stiles  zwingen?
Die  Radierung  B.  67  (Abb.  14.3)' 2  soll  als  Grundlage  für  die  weitere  Betrachtung  dienen,  sind  doch  in
ihr  gewisse  klassische  Stilelemente  besonders  leicht  faßbar.  Sie  wird  dazu  noch  in  der  Rembrandtliteratur
als  abhängig  von  einem  klassischen  Werk,  von  Raffaels  Parnaß,  bezeichnet;  die  Homerzeichnung  (als
Zwischenglied)  soll  ihr  direktes  Vorbild  sein.  Die  Homerzeichnung  Rembrandts  zeigt  nun  tatsächlich  in
12  Vgl.  dazu  den  Exkurs  auf  S.  220ff.:  Die  Datierung  von  B.67.

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