Ludwig Münz,
in ihrer Vereinheitlichung, die Christus die höchste Helligkeit läßt und in einem Dunkel-Hell-Rhythmus die
Trauernden zeigt, einem Rhythmus, der in gewaltiger Ruhe Maria wie die Natur selbst umfaßt, welche in
diese Elegie eines göttlichen Schicksals mit einbezogen ist: trauernd recken blattlose, dürre, dunkle Stämme
ihre Äste zum Himmel. Bei allem Reichtum an pittoresken und bizarren »barocken« Einfällen, welche große,
einfache Ruhe der Klassik, die selbst diese »barocken« Stilelemente zu harmonischer, gewaltiger, ruhiger
Klarheit zu bändigen und zu verbinden weiß.
Bei Rembrandt entsteht aus barocken und klassischen Gegebenheiten ein Werk wesensverschiedener
Form und Geistigkeit. Die klassische Anregung, die Zeichnung Polidoro da Caravaggios, ist völlig umgeformt,
bei allem Vorhandensein eines eindeutigen Verhältnisses von Vertikaler und Horizontaler auch auf Rembrandts
Werk, nur daß dieses Verhältnis jetzt, wenn man nur die Figuren betrachtet, in seiner Proportion
gewaltige Übersteigerung bedeutet. Für Rembrandts Linearaufbau ist nicht mehr die Ruhe der Zeichnung
Polidoro da Caravaggios, wo von beiden Seiten Männer um Christi Leichnam bemüht sind, ausschlaggebend;
sondern dadurch, daß bei Rembrandt der stehende Josef von Arimathia auf die Gruppe herabschaut, ist
diese völlig aus ihrer harmonischen, symmetrischen Bindung gelöst, ein mächtiger Gegensatz zwischen der
Gruppe um Christi Leichnam (der Horizontalen) und Josef von Arimathia (der Vertikalen) geschaffen, durch
den die Gruppe um Christi Leichnam besonders hervorgehoben erscheint. Diese Übersteigerung kann sich
dann doch wieder aus dem einheitlichen (und in diesem Sinn barocken) Helldunkel nicht »harmonisch«
offen entfalten, sondern hilft nur eine, jedenfalls nicht barockklassische, Spannung schaffen, in ihrem Gegensatz
zu dem neuen und überraschenden Motiv der Drastik natürlich-logischer, »rationaler« Gestaltung, welche
das Dunkel eines grausigen Grabgewölbes überdeutlich — genrehaft — naherückt.
Der Sinn dieses Vergleiches ist, endlich einmal an einem Beispiel zu zeigen — ebenso lehrreich wäre
der Vergleich zwischen Rembrandts und Poussins »Heilung des Lahmen« —, was Barockklassik ist, und festzustellen,
daß sich Sinn und Aufbau einer barockklassischen Komposition bei Verwandtschaft einzelner Teile
im Grunde von Sinn und Aufbau einer Komposition Rembrandts unterscheiden, da in dieser nicht der
eindeutig sich verbindende, offene Zusammenhang von linearem Aufbau und Helldunkelführung herrscht,
dessen Folge harmonische Klarheit, also Klassik ist.
2. Christi Predigt von der Vergebung der Sünden, oder der Altersstil Rembrandts und
die Bedeutung der (manieristischen und barocken) Affektübersteigerung für diesen.
Die bisherigen Vergleiche von Werken Rembrandts nach 1650 mit Werken der klassischen und
barockklassischen Kunst haben gezeigt, daß in Rembrandts Klassizismus, bei Vorhandensein von Stilelementen,
die sich in Werken klassischer Kunst zu einfacher harmonischer Klarheit verbinden, Faktoren
wirksam sind, welche dazu führen, daß dieser Rembrandtsche Klassizismus einen Gegensatz zu jedem
Begriff von Klassik (in künstlerischem Sinn) bildet. Bei der Homerzeichnung erwies sich, daß Rembrandt
eine Übersteigerung in die Komposition trug, die nicht »klassisch« und (wenn man an die Proportionierung
auf Poussins Zeichnung denkt) auch nicht einmal barockklassisch ist; bei der Grablegung, daß Rembrandt
auch durch sein Helldunkel (wenn man nur an dieses denkt und ganz von der gewaltigen Veränderung des
Sinnes absieht, die darauf beruht, daß bei Rembrandt ein Zuschauer und nicht die klagende Maria die
Vertikale gibt) eine gewaltige Spannung schafft, welche allerdings durch ihre naturalistische Stimmung in
ihrem Pathos nur »heimlich« wirken kann. Alles dies waltet in Rembrandts Altersstil bei Kenntnis »klassischer
Vorbilder«, bei deren »bewußter Benützung«. Welches sind nun die Elemente, die immer wieder
die harmonische Tendenz der klassischen Stilfaktoren beeinträchtigen, ja diese oft, indem sie sie als Träger
bloßer Kontrastsetzung gegen den klaren Gesamtsinn erscheinen lassen, in den Bann eines ganz anders
gerichteten Stiles zwingen?
Die Radierung B. 67 (Abb. 14.3)' 2 soll als Grundlage für die weitere Betrachtung dienen, sind doch in
ihr gewisse klassische Stilelemente besonders leicht faßbar. Sie wird dazu noch in der Rembrandtliteratur
als abhängig von einem klassischen Werk, von Raffaels Parnaß, bezeichnet; die Homerzeichnung (als
Zwischenglied) soll ihr direktes Vorbild sein. Die Homerzeichnung Rembrandts zeigt nun tatsächlich in
12 Vgl. dazu den Exkurs auf S. 220ff.: Die Datierung von B.67.
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