Meisterwerke der Juwelierkunst des 16. und 17. Jahrhunderts.
der Meister auch die Einzelstücke des Ornates nach der Wirklichkeit
malte, eine Frage, deren Beantwortung zur Erkenntnis
seiner Schaffensweise beitrüge, hier aber nicht gelöst werden
kann. Bekanntlich ist der Harnisch des heiligen Mauritius nach
einer Statue des Heiligen aus dem Halleschen Heiltum gemalt.
Das Motiv der Sternrosette war sehr verbreitet; in den
Miniaturen Mielichs findet es sich auf dem silbernen Löwenbecher,
dem goldenen Becher und der 1 546 datierten goldenen
Kanne, an dem Nodus eines Kelches auf dem Entwurf von
Virgil Solis (Jessen, Ornamentstich, Abb. 76), ferner an Kettengliedern
des Kreuzanhängers (abgebildet bei Hefner-Alteneck)
und als Anhänger, wie erwähnt, auf dem linken Flügel vom
Martyrium der heiligen Katharina Cranachs in der Dresdner
Galerie. Eine Sternrosette als Anhänger hat Virgil Solis gezeichnet.
6 Die Sternrosette hat in ihrer vielfachen Verwendungsmöglichkeit
an dem Applikationscharakter der Juwelierformen
teil, die beliebig hergestellt und angewandt werden können,
ein Vorgang, der für gegossene Teile des Schmuckes in der
zweiten Jahrhunderhälfte allgemein wird.
Das deutsche Kunsthandwerk der Renaissance empfängt durch die Ornamentstiche des Virgil Solis
und des »Meisters von ISS 1 *! Matthias Ztindt, schöpferische Impulse. Nicht ohne Einfluß der Schule von
Fontainebleau erhält das deutsche Ornament als Roll- und Bandwerk durch sie die klarste graphische
Prägung, die sich zu dem Nürnberger Ornamentstil verdichtet. Solis schuf mehrere Entwürfe zu Kreuzanhängern,
die eine rollwerkplastische Vorderseite und eine maureskengefüllte glatte Rückseite vorsehen. 7 Er
hat in seinen Anhängerentwürfen jene Art typisch ausgebildet, in der sich das Rollwerk in kleinen scharfen
Spitzen im Umriß kurz und energisch nach außen kehrt. Nürnberg hat damals im Ornamentstich die Führung;
gleichzeitig geht die stilistische Ausbreitung aber über ganz Deutschland bis in die Niederlande. Der
prunkvolle Kelch des Kölner Erzbischofs Johann Gebhard, Grafen von Mansfeld (1558 —1562) im Grünen
Gewölbe in Dresden könnte in Köln gearbeitet sein. 8 Stücke der in Mielichs Miniaturen wiedergegebenen
Kostbarkeiten könnten von Münchner Hofjuwelieren stammen. Diese Spur führt indes nicht weiter, da
wir zwar Mielichs Stil in seinen Miniaturen zu den Psalmen des Orlando di Lasso fassen, die 1848 von
Hefner-Alteneck entdeckten Schmuckminiaturen Mielichs aber eher für ein gemaltes Inventar vorhandener
Schatzkammerstücke, als für Entwürfe zu diesen anzusehen sind. Wie mit der »maniera di Cellini«, werden
wir auch mit der romantischen Mythenbildung der »Art des Mielich« brechen müssen, wenn er auch einige
Entwürfe für Goldschmiede geliefert haben mag. 9 Und schließlich zeigen das in Antwerpen gearbeitete,
1562 datierte Kreuz von Averbode und der Kreuzanhänger im National-Museum in Budapest (Abb. 112)
denselben Zeitstil.
So intensiv die Nachforschungen seit Jahren von mehreren Seiten betrieben wurden, so hat sich doch
keine zeitgenössische Aktenmitteilung — außer in dem Fall des Kreuzes von Averbode und bei den Werken
Hans Reimers — bisher mit noch vorhandenen Werken der Goldschmiede-Juweliere des 16. Jahrhunderts
6 Bock, E., Die Zeichnungen in der Universität Erlangen. — Die Sternrosette zentral in einem Anhänger der Reliquienbüste
der heiligen Maria Magdalena 1513, abgeb. Taf. 171 der Ausgabe des Halleschen Heiltums (Man. Aschaffenb. 14) durch
Ph. M. Halm und R. Berliner, Berlin 1931, die auch sonst Material zur Frage der Schmuck-Motive enthält.
7 Guilmard, D., Les maitres ornemanistes, Paris 1880, PI. 128.
8 Stammt aus der Hinterlassenschaft der Kurfürstin Magdalena Sibylle, Gemahlin Johann Gorgs II. von Sachsen, Prinzessin
von Brandenburg-Culmbach. Weiter geht die Spur nicht zurück.
9 So hat auch Liisberg (Les plus anciens insignes de la royauté danoise. Mém. de la soc. roy. des antiqu. du
nord. 1920—1925, Extrait) mit der romantischen Mores-Theorie Stettiners aufgeräumt. Die Mielich-Theorie hat genug Irrtümer
gezeitigt. Weder der IHS-Anhänger, noch die Georgi-Ritterkette dèr Münchner Schatzkammer sind im Stil des Rollwerks
um 1550 gearbeitet. Ersterer gehört sicher, wahrscheinlich beide, erheblich späterer Zeit an. (Vgl. Führer durch
die Schatzkammer der Münchner Residenz) Ein letzter Nachfahre dieser »Theorien« einer romantischen Epoche der
Methode ist die »Gipfel-Theorie« Sponsels, auf deren haltloses Phantasiesystem hier nicht weiter eingegangen werden
kann.
Abb. ii5. Monogrammanhänger auf
August und Anna von Sachsen. Wohl süddeutsch.
Um 1560. Monogramm Diamanten, Krone Rubine.
Dresden. Grünes Gewölbe.
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