MEISTERWERKE DER JUWELIERKUNST
DES 16. UND 17. JAHRHUNDERTS.
STUDIEN VON WALTER IIOLZHAUSEN.
I. DEUTSCHE ARBEITEN DES 16. JAHRHUNDERTS.
E ine heute schwer verständliche Unbekümmertheit des 19. Jahrhunderts hatte in ihrer kunstwissenschaftlichen
Betrachtung das romantische Bild einer Goldschmiede-Juwelierkunst gezeitigt, in deren Mittelpunkt sie
die Gestalt Cellinis stellte. Eine große Anzahl der kostbarsten Juwelierarbeiten europäischer Sammlungen
sollten den Anspruch erheben können, von ihm geschaffen zu sein oder doch von italienischen und französischen
Meistern zu stammen. 1 In diese hartnäckige Überlieferung legten erst die kritischen Bemerkungen Pions und
Bonnaffés, dann die Entdeckung des Salzburger Meisters Hans Karl 2 und einige Beobachtungen Sponsels
Bresche. An die Stelle dieser Tradition tritt heute in ersten Umrissen das Bild einer deutschen Goldschmiede-Juwelierkunst,
indem eine Anzahl von Werken sich zu einer deutschen Gruppe zusammenfügen
läßt und auch sonst erste Abgrenzungen behutsam gezogen werden können.
Dieses Bild untereinander verwandter Stücke lebt in der stolzen Kraft eines kunsthandwerklichen
Schaffens, das aus der ganzen Fülle technischer Feinheit und plastischer Gestaltung schöpft. Es ist die handwerkliche
Kunst einer reichen Zeit überströmender Diesseitsbejahung, einer prunkvoll-soliden höfischen
deutschen Kultur, die damals aus den Kräften des Volkstums gespeist wird. Die Werkkunst der Renaissance
wird kurze Zeit später zur schöpferischen Höchstleistung, nachdem die deutsche Kunst auf den Gebieten der
Malerei und Plastik ihre großen Gestaltungen bereits gezeitigt und die Einheit der mittelalterlichen deutschen
Kunst sich in das Individuell-Schöpferische der gestaltenden Künstler und das Werkmäßige des Kunsthandwerks
gespalten hatte. 3 Noch lebte Holbein d. J., doch gerade er hat seinen Teil zur Verlagerung der schöpferischen
Kräfte auf das kunsthandwerkliche Gebiet beigetragen.
Der ganze Umkreis des Schmuckes wird durch die Ringe, Armbänder, Hutmedaillen, Miederschließen,
»Kleinotere auf die Stirn zu hengen«, Ketten und Anhänger bezeichnet. Am konzentriertesten spricht sich
das Wesen dieser Schmuckkunst in der Form des Anhängers aus. In seiner Bildung als Kreuz-, Buchstabenund
rein ornamentaler Anhänger liegt sowohl die traditionelle Beharrung im Typischen, wie die neugestaltende
Prägung des Ornamentalen und die Bereicherung durch figürliche Motive.
Nimmt schon der Schmuck im allgemeinen auf die Formen der Tracht Bezug, mit der er erst die
lebendige Einheit bildet, so ist die Beziehungnahme des Buchstabenanhängers zur Tracht ganz besonders eng.
Buchstaben, deren Ausdeutung oft nicht möglich ist und die nicht immer Namensbuchstaben des Besitzers
zu sein brauchen, finden sich in Stickerei schon auf Einzelheiten der Tracht des 14. Jahrhunderts (Tasche
im St.-Annen-Museum in Lübeck). Das 16. Jahrhundert bringt auf den Porträten eine Überfülle von Beispielen
eingestickter Buchstaben auf dem Brustlatz des Kostüms (Frauenporträt Dürers im Deutschen Museum in Berlin,
Martyrium der heiligen Katharina Cranachs in Dresden, »O Maria« auf dem Marienbild Hans Leinbergers in
Polling), auf dem Rock (Strigels Hieronymus-Haller-Bildnis in München), auf dem Gürtel (Norddeutscher Meister
um 1556 im St.-Annen-Museum in Lübeck), Monogramme auf den Knöpfen (Bildnis Morettes von Holbein in
Dresden, Bildnis eines Unbekannten von Jan Mostaert im Deutschen Museum in Berlin). Offenbar gehen seit der
Gotik weltliche Buchstabenfolgen mit geistlichen, den Namen Jesu und Mariä bis in die neuere Zeit nebeneinander
her. Ihre Verwendung steigert sich in der Renaissance, in den Jahrzehnten des Erwachens der
individuellen Persönlichkeit, zu einem wahren Buchstabenkultus. Dieser schöpft für die weltlichen Buchstabenfolgen
einmal aus der Gepflogenheit der Bortenweberei mit eingewebten Sprüchen in unendlichem Rapport,
' Vgl. dazu die Zeilen bei Luthmer, F., Goldschmuck der Renaissance, Berlin 1881, S. 26. — Die Cellini-Theorie blühte
noch letzthin bei dem, allerdings wahrscheinlich italienischen, Canning jewel aus dem Besitz des Earl of Harewood, auf: als
es gearbeitet wurde, war Cellini in seinen letzten Lebensjahren, vielleicht aber überhaupt nicht mehr am Leben. Abb. im
Verst.-Kat. Sotheby, 1931.
2 Pion, E., Benvenuto Cellini, Paris 1883. — Holzhausen, W., Deutsche Goldemailarbeiten um Kloo im Palazzo Pitti in
Florenz, Pantheon 1928, S. 483; 1929, S. 200. Martin, F., Erzbischof Wolf Dietrich und die Goldschmiedekunst, Salzburger
Museumsblätter 1929, Nr. 5/6.
3 Vgl. dazu die Bemerkungen der historischen Übersicht in W. Pinder, Deutsche Barockplastik, S. 4.
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