Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 9 (N.F.) (IX=45)

Eine  Hochreliefstickerei  des  16.  Jahrhunderts  im  Wiener  Diözesan-Museum.

Vermerkht  was  der  goldschmidt  zw  dem  schyld
gemacht  hatt:  darzwe  hab  ich  iem  gebem  staindl;  die
kassten  zw  den  selbig  habem  gewegen  2  lot  I  quintl,
vergolt  das  lot  per  I  tl.  facit  alles  13  sh.  d.
item  gemacht  zw  dem  schildt  2  khnophl  und  das
ringel,  wegen  2  quintl,  facit  3  sh.  d.
item  der  piligreimstab  und  das  schwertel
und  das  rad  und  zwo/muschel  und  das  zepterel,
wegen  3  lot  1  quintel,  facit  3  tl.  60  d.«
Mit  diesem  Dokument  ist  die  Neuentstehung  des
Pluvialschildes  im  Jahre  1518  in  einer  Wiener  Werkstatt
erwiesen.  Die  Gesamtausgaben  für  Arbeit  und  Material,
abgerechnet  Perlen  und  Edelsteine,  beliefen  sich  nach
dieser  Aufstellung  auf  24  th.  82  d.
Schwieriger  ist  es,  das  Werk  in  die  allgemeine  Stilentwicklung ­
  einzuordnen.  Stickereien  geben  häufig  dem
Kunsthistoriker  unlösbare  Rätsel  auf,  da  in  den  meisten
Fällen  der  ursprüngliche  Entwurf  durch  Übersetzung  in
die  textile  Materie  verzerrt  und  verändert  erscheint.  Nur
bei  ganz  seltenen  Ausnahmen  ist  es  möglich,  einen  bestimmten ­
  Kunstkreis  oder  gar  einen  bestimmten  Künstler
ins  Auge  zu  fassen.  Die  besprochene  Reliefstickerei  des
Wiener  Diözesan-Museums  aber  ist  von  so  hervorragender ­
  Qualität,  daß  sie  auf  die  Fragen  nach  Stil  und  künstlerischer ­
  Herkunft  bereitwillig  Antwort  gibt.  Schon  der
erste  Eindruck  weckt  die  Erinnerung  an  Schöpfungen
der  Nürnberger  Plastik.  Die  Madonna,  die  in  ihrem  mächtigen ­
  Faltenschwung  trotz  der  kleinen  Abmessung  von
monumentaler  Wirkung  ist,  erinnert  mit  ihrer  breiten
vorgewölbten  Stirn,  den  gesenkten  Lidern,  der  zarten
spitzen  Nase,  dem  leise  lächelnden  Mund  an  Bildwerke
des  Veit  Stoß. 6  Der  heilige  Jakobus  mit  dem  Quadratschädel, ­
  den  vorstehenden  Backenknochen,  dem  strähnigen ­
  Bart-  und  Haupthaar  gemahnt  an  die  holzgeschnitzten  Heiligenfiguren  des  Stoß-Altars  in  der  Marienkirche ­
  zu  Krakau. 7  Und  in  diese  Stadt  führt  auch  die  Suche  nach  textilem  Vergleichsmaterial.  Ein  Werk,
das  in  Stil,  Qualität  und  allen  technischen  Besonderheiten  unserer  Stickerei  nahesteht,  ist  die  Kasel  des
Krakauer  Palatins  Peter  Kmita  im  Schatz  der  Kathedrale  auf  dem  Wawel  (Abb.  58,  jq  tmd  60).
Auch  auf  diesem  Standardwerk  der  Hochreliefstickerei  sind  die  Figuren  fast  vollrund  über  Steifleinen-, ­
  Pappe-  und  Watteunterlage  modelliert. 8  Die  männlichen  Gesichter  zeigen  ähnliche  charakteristische
Ausdrucksmotive  wie  Jakobus  auf  unserem  Rückenschild  (Abb.  57).  Auffallend  sind  die  vorstehenden  Backenknochen, ­
  die  den  Köpfen  slawische  Rassenmerkmale  verleihen.  Die  gedrückte  gotische  Bogenarchitektur
kehrt  in  analoger  Form  wieder.  Vor  allem  aber  ist  die  technische  Durchbildung  völlig  identisch.  Auch  in
den  Bildern  der  Kasel  sind  die  Mehrzahl  der  Gewänder  und  der  Hintergrund  mit  echtem  Golde  gestickt.
Und  um  die  Eintönigkeit  dieses  Glanzes  zu  mildern,  sind  ganz  wie  auf  der  Wiener  Stickerei  verschieden
Getönte  und  gedrehte  Goldfäden  verwendet,  wobei  die  Technik  der  Versatzstiche  neben  aufgelegten  mit

Abb.  58.  Kasel  des  Palatins  Peter  Kmita
mit  Szenen  aus  der  Legende  des  heiligen  Stanislaus.
Krakau,  Schatz  der  Kathedrale  auf  dem  Wawel.

6  Man  vergleiche  die  Madonna  vom  Stoßhause,  Nürnberg,  Germanisches  Museum.  Abb.  Max  Loßnitzer,  Veit  Stoß.
Leipzig  1912,  Taf.  40.
7  Loßnitzer,  a.  a.  O.,  Taf.  2  und  9.
8  Der  von  einem  Forscher  geäußerten  Ansicht,  daß  die  Figuren  aus  hartem  Holz  geschnitzt  seien,  widerspricht  Pagaczewski,
  Posag  Srebrny  Sw.  Stanislawa,  Krakau  1927,  wie  ich  glaube,  mit  Recht.  Wohl  sind  die  Köpfe  hart,  doch  sind  an
mehreren  Stellen  Verschiebungen  und  Eindrücke  an  der  Unterlage  zu  beobachten.  Die  Gewänder  geben  unter  dem  Fingerdruck ­
  nach.

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