Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 9 (N.F.) (IX=45)

Betty  Kurth,

Hintergrund  mit  goldenen,  Muster  bildenden  Versatzstichen  gedeckt.  Das  Kleid  der  Madonna  besteht  ganz
aus  Reihen  echter  Perlen.  Ihr  Mantel  ist  golden.  Katharina  trägt  ein  bräunliches,  von  goldenen  Fäden  durchzogenes ­
  Kleid  mit  goldenem,  grün  gefüttertem  Überwurf,  Jakobus  ein  blaues  Gewand  mit  goldenem  Mantel.
In  Goldfäden  schimmern  die  Haare  der  heiligen  Frauen  und  des  Christkindes.  Wollenumsponnener  Draht
gibt  dem  Haupt-  und  Barthaar  des  männlichen  Heiligen  seinen  krausen  Charakter.  Der  Heiligenschein  des
Christkindes  ist  aus  aufgenähten  goldenen  Pailletten  zusammengesetzt,  wie  sie  auch  in  der  Umrahmung  erscheinen. ­
  Über  dem  Kopf  des  Kindes  funkelt  ein  Rubin.  Alle  Gewänder,  Kronen,  Nimben  sind  von  echten
Perlen  gesäumt.  Perlen  und  goldgefaßte  Edelsteine  zieren  auch  die  krabbenbesetzte  Baldachinarchitektur, 3
zu  deren  Seiten  je  ein  Wappen  eingestickt  ist.  Rechts  der  österreichische  Bindenschild,  links  das  alte
ungarische  Wappen  (sechsmal  geteilt  von  Weiß  und  Rot).
Die  erhaltenen  alten  Inventare  der  Reliquienschatzkammer  von  St.  Stephan  geben  Aufschluß  über  die
Entstehungsgeschichte  des  Werkes.  In  den  Eintragungen  von  1448  werden  uns  eine  Kasel  und  ein  Pluviale,
das  an  anderer  Stelle  als  der  Brautrock  Rudolfs  IV.  bezeichnet  wird,  folgendermaßen  beschrieben: 4  »Item
ain  rate  samadeine  gasl  mit  guidein  esten  mit  lewbern,  hinden/zwen/schilt/gehefft  mit  perln
Ungern  und  Österreich,  mit  seiner  zugehorung  zu  ainem  messgewant.
item  desselben  tuchs  ain  kappen  und  hinden  ain  schilt,  daran  mit  ainem  knawf  mit  ainem  roten  tolden
und  in  dem  schilt,  unserer  frawn  pildung  und  hat  das  kindel  am  arm  und  sannd  Jacobs
und  sand  Kathrein  mit  perln  gehefft.«
Die  Schilderung  dieses  Pluvialschildes  stimmt  mit  den  Darstellungen  der  erhaltenen  Reliefstickerei  so
völlig  überein,  daß  an  der  Identität  kaum  gezweifelt  werden  könnte;  sogar  Reste  der  einst  roten  Stoffunterlage
sind  vorhanden.  Und  doch  widerstreiten  einander  historische  und  stilistische  Evidenz.  Das  erhaltene  Pluvialschild
  kann  seinem  Stil  nach  unmöglich  aus  dem  Jahre  1448  stammen.  Die  Formensprache  zeugt  für  eine
wesentlich  spätere  Zeit.  Die  naturalistische  Durchbildung  der  Köpfe,  die  mächtigen  Faltendominanten,  die  breitgezogene ­
  Spitzbogenarchitektur  sprechen  unwiderleglich  für  die  Datierung  in  den  Beginn  des  16.  Jahrhunderts.
Es  liegt  nahe,  diesen  Widerspruch  der  Inventaraufzeichnungen  mit  dem  Stilbefund  durch  die  Annahme
einer  Erneuerung  in  späterer  Zeit  lösen  zu  wollen.  Diese  vielleicht  unter  anderen  Umständen  als  willkürliche ­
  kunsthistorische  Konstruktion  zurückgewiesene  Hypothese  hat  im  vorliegenden  Falle  eine  glänzende
Rechtfertigung  und  Bestätigung  durch  die  kürzlich  von  Hermann  Göhler  veröffentlichten  späteren  Rechnungseintragungen ­
  erfahren. 5  Im  Rechenregister  der  Domkustodei  unter  dem  Domkustos  Bernhardin  Widmer  aus
den  Jahren  1515  bis  1522  erscheinen  ausführliche  Aufzeichnuugen  über  eine  vollständige  Erneuerung  des
Pluvialschildes  im  Jahre  1518.  Die  figuralen  Darstellungen  wurden  damals  neu  angefertigt  und  alle  Ausgaben ­
  für  Gold,  Edelsteine,  Arbeit  des  Stickers  und  Goldschmiedes  genau  vermerkt.  Die  Perlen  des  alten
Schildes  fanden  zum  Teil  wieder  Verwendung.  Die  Stelle  des  Verzeichnisses  lautet:
»Vermerkh  aussgab  von  dem  perlein  schildt  zw  der  gülden  cappen,  so  hertzog  Rudolff  preytrokh  ist
gewesen.  Wan  der  schildt  gar  vast  gerierren  ist  von  eher  und  die  perll  verlaren  machten  werden,  das  dan
zw  schaden  raycht,  hab  ich  denselbigen  vernewen  lassen  an  den  khnoph  und  abtrennen  lassen.
item  von  ersten  auff  dem  alten  schyldt  sindt  gewessen  perll,  die  abgetrendt  sindt  warden,  4  lot,  und
darzwe  auss  dem  helffenpainnenen  khoplein  gebem  perll  2  lot,  facit  6  lot.
item  hat  der  seydennater  khauft  4  spuellen  goldt,  ain  quartal,  den  spuellen  per  12  sh.  d.  facit  5  tl.  5  sh.  d.
item  von  den  perlein  auffzwhefften  vom  lot  1  ltl.  d.  facit  6  tl.  d.
item  von  dem  peschlcht  auffzuhefften  4  sh.  d.
item  vom  goldt  auffzwhefften  vom  spuellen  10  sh.  facit  4  tl.  4  sh.  d.
item  um  4  lot  seyden,  1  lot  per  48  d.  facit  5  sh.  18.  d.
item  umb  drew  viertel  zendel  2  sh.  4.  d.
item  vier  angesicht  zw  machen  1  tl.  4  sh.  d.
Summa  summarum  dem  seydennatter  zw  machen  und  was  umb  das  goldt,  seyden,  heffteen,  arbaytt,
das  daraufif  ist  gangen  18.  tl.  4  sh.  22  d.
3  Das  zum  unteren  Abschluß  angebrachte  Goldspitzchen  scheint  mir  spätere  Zutat  zu  sein.
4  Ms.  Nr.  47,  fol.  6v.  Vgl.  Hermann  Göhler,  Die  Schaustellung  von  Schriftdenkmälern  im  Erzbischöflichen  Dom-  und
Diözesanmuseum  in  Wien.  Kirchenkunst,  VI.  Jg.,  1934,  Heft  III,  S.  XVIII.
5  Hermann  Göhler,  a.  a.  O.,  S.  XIX,  Anm.  36.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.