Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 9 (N.F.) (IX=45)

Ein  Kreuzigungsaltar  von  Hieronymus  Bosch.

sein,  ihr  Schwung  ist  ganz  im  Stile  des  Hieronymus  Bosch.  Die  Leiter  war  nicht  wesentlich  höher,  als  wir
sie  jetzt  sehen.  Von  der  Landschaft  fehlen  nur  der  oberste  Grat  der  Berghügel  und  der  Himmel.  Stellt  man
sich  diese  aus  der  Kopie  zu  erschließenden  Ergänzungen  im  Geiste  vor,  so  fällt  es  auf,  daß  rechts,  wo  der
obere  Bildausschnitt  sich  erheblich  neigte,  der  rechte  Balken  des  Schächerkreuzes  die  Fläche  füllte,  während
links  nur  die  flatternde  Fahne  in  den  sehr  hohen  Himmel  hineinragte.  Der  in  der  ganzen  Tafel  sich  deutlich ­
  bemerkbar  machende  horror  vacui  läßt  die  Vermutung  aufkommen,  daß  links  in  den  Lüften  noch  die
Figur  eines  fliegenden  Trauerengels  oder  eine  Spukerscheinung  zu  sehen  war.  Gegen  diese  Vermutung  läßt
sich  das  Fehlen  dieser  Füllfigur  auf  der  Kopie  nicht  anführen,  da  durch  die  Umwandlung  des  Hochbildes
in  ein  Breitbild  und  die  dadurch  nötige  Aufgabe  des  Viertelkreisabschlusses 7  eine  Figur  in  den  Lüften  die
Einheitlichkeit  des  Bildganzen  erheblich  gestört  hätte.
Die  neu  abgedeckten  Teile  des  Wiener  Kreuztragungsflügels  erlauben  uns  aber  auch  einige  Vermutungen
über  die  Kompositionen  der  verlorenen  Teile  des  Altars.  Vor  allem  sind  wir  nun  berechtigt  zu  schließen,
daß  auf  der  Kreuzigung  des  Mittelbildes  Christus  und  die  Schächer  an  sehr  hohen  Kreuzen  gehangen  sind,
so  daß  sich  ihre  Füße  hoch  über  die  Köpfe  der  Menge  im  Vordergrund  erhoben.  Das  probeweise  aufgerichtete ­
  Schächerkreuz 8  —  ein  ganz  singuläres,  weil  im  Grunde  sinnloses  Motiv  —  läßt  sich  nur  dadurch
erklären,  daß  es  ein  kompositionelles  Gegengewicht  zu  bilden  hatte  für  ein  Kreuz  am  rechten  Flügel.  Es
war  also  dort  nicht,  wie  ich  es  früher  auch  als  möglich  hingestellt  habe,  die  Auferstehung  Christi,  sondern
die  Kreuzabnahme  oder  die  Beweinung  unter  dem  Kreuz  zu  sehen.  Da  auf  der  Kreuztragung  weder  Maria
noch  Johannes  Vorkommen,  erscheint  die  Darstellung  der  Kreuzabnahme  am  sinnvollsten.  Sie  allein  gestattet
wieder  die  Entfaltung  einer  größeren  aufgeregten  Menschenmenge.  Der  völligen  seelischen  Isolierung  der
Figur  des  Erlösers  in  einer  Welt  voll  Haß  und  Gleichgültigkeit,  wie  sie  diese  Kreuztragung  zeigt,  würde
die  Gegenüberstellung  des  toten  Erlösers  und  der  geschäftig  bewegten  Männer,  die  sich  mit  der  Abnahme
des  Leichnams  vom  Kreuz  abmühen,  wohl  entsprechen.  In  den  Lüften  rechts  oben  ist  wieder  an  einen
trauernden  Engel  zu  denken.
Offen  bleibt  noch  die  Frage,  was  auf  dem  Rund  auf  der  Rückseite  dieses  rechten  Flügels  gegenüber
dem  spielenden  Christkind  des  linken  zu  sehen  war.  Ähnliche  Rundbilder  enthalten  die  Rückseiten  der  beiden
Höllenflügel  des  Hieronymus  Bosch  in  der  Sammlung  Koenigs 9  in  Haarlem,  und  zwar  zeigt  hier  jeder  der
Flügel  zwei  Rundbilder  übereinander.  Nur  auf  einer  dieser  vier  Darstellungen  ist  Christus  zu  sehen,  offenbar ­
  als  Erretter  einer  armen  Seele,  während  auf  den  drei  anderen  der  Kampf  des  einzelnen  Menschen  mit
den  Geistern  der  Hölle  geschildert  ist.  Es  ist  also  sehr  wohl  möglich,  daß  auch  auf  der  Rückseite  des  verschollenen ­
  rechten  Flügels  des  Kreuzigungsaltärchens  das  böse  Prinzip  in  Gestalt  einer  Höllenfigur  dem
laufenden  Christkinde  gegenübergestellt  war.

7  Es  ist  überhaupt  auffallend,  daß  die  Werke  des  Hieronymus  Bosch  so  häufig  mit  Veränderungen  kopiert  worden
sind.  Außer  auf  die  bekannten  Kopien  berühmter  Kompositionen,  wie  das  oben  erwähnte  Ecce  homo,  wie  die  Gefangennahme
Christi,  die  Dornenkrönung,  die  Versuchung  des  heiligen  Antonius,  das  Steinschneiden,  den  Gaukler  etc.,  weise  ich  auch  auf
die  Zeichnung  mit  der  Darstellung  des  sterbenden  Geizhalses  im  Louvre  hin,  die  bisher  für  ein  Original  gegolten  hat,  die  sich
aber  nun,  nachdem  das  eigenhändige  Gemälde  des  Hieronymus  Bosch,  eine  abgesägte  Flügelaußenseite,  aufgetaucht  ist,  als
eine  teilweise  mißverstandene  Reduktion  der  Bildkomposition  von  fremder  Hand  herausgestellt  hat.
8  Erst  nach  Drucklegung  dieser  Seiten  wurde  mir  die  Photographie  einer  auf  Leinwand  gemalten  Kreuztragung  des
Hieronymus  Bosch,  eines  sogenannten  »Tüchleins«,  das  im  englischen  Kunsthandel  aufgetaucht  ist,  bekannt.  Es  ist  ein  Breitbild
(77'SX87'5  cm).  Im  Vordergrund  zieht  der  Hauptzug  mit  Christus  vorbei.  Seine  »tète«  gabelt  sich  der  Enge  des  Weges  halber
und  verschwindet  zum  Teil  hinter  Felsblöcken.  Im  Mittelgrund  bewegt  sich,  dem  ersten  Zuge  parallel  und  durch  unbewachsene
Terrainwellen  von  ihm  getrennt,  ein  zweiter  mit  den  beiden  Schächern.  Im  Hintergrund  sehen  wir  links  die  Mauern  von
Jerusalem  und  rechts  die  kahle  Schädelstätte,  wo  eben  vor  einer  bereits  versammelten  Menge  ein  leeres  überhohes  Schächerkreuz
mittels  zweier  Seile  aufgerichtet  wird.  Der  Stil  der  Figuren  steht  dem  der  Wiener  Kreuztragung  ganz  nahe,  viel  näher  als  der
Kreuztragung  im  Escurial,  doch  ist  auch  nicht  eine  wörtliche  Wiederholung  feststellbar,  so  daß  auch  diese  eigenartige  Komposition ­
  ganz  als  eine  Erfindung  des  Meisters  anzusehen  ist.
9  Siehe:  »Museum  Boymans,  Rotterdam,  1935,  Verzameling  F.  Koenigs  Schilderijen«.  Abb.  IV  und  VI.

2  Jahrbuch  N.  F.  IX.

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