Ein Kreuzigungsaltar von Hieronymus Bosch.
sein, ihr Schwung ist ganz im Stile des Hieronymus Bosch. Die Leiter war nicht wesentlich höher, als wir
sie jetzt sehen. Von der Landschaft fehlen nur der oberste Grat der Berghügel und der Himmel. Stellt man
sich diese aus der Kopie zu erschließenden Ergänzungen im Geiste vor, so fällt es auf, daß rechts, wo der
obere Bildausschnitt sich erheblich neigte, der rechte Balken des Schächerkreuzes die Fläche füllte, während
links nur die flatternde Fahne in den sehr hohen Himmel hineinragte. Der in der ganzen Tafel sich deutlich
bemerkbar machende horror vacui läßt die Vermutung aufkommen, daß links in den Lüften noch die
Figur eines fliegenden Trauerengels oder eine Spukerscheinung zu sehen war. Gegen diese Vermutung läßt
sich das Fehlen dieser Füllfigur auf der Kopie nicht anführen, da durch die Umwandlung des Hochbildes
in ein Breitbild und die dadurch nötige Aufgabe des Viertelkreisabschlusses 7 eine Figur in den Lüften die
Einheitlichkeit des Bildganzen erheblich gestört hätte.
Die neu abgedeckten Teile des Wiener Kreuztragungsflügels erlauben uns aber auch einige Vermutungen
über die Kompositionen der verlorenen Teile des Altars. Vor allem sind wir nun berechtigt zu schließen,
daß auf der Kreuzigung des Mittelbildes Christus und die Schächer an sehr hohen Kreuzen gehangen sind,
so daß sich ihre Füße hoch über die Köpfe der Menge im Vordergrund erhoben. Das probeweise aufgerichtete
Schächerkreuz 8 — ein ganz singuläres, weil im Grunde sinnloses Motiv — läßt sich nur dadurch
erklären, daß es ein kompositionelles Gegengewicht zu bilden hatte für ein Kreuz am rechten Flügel. Es
war also dort nicht, wie ich es früher auch als möglich hingestellt habe, die Auferstehung Christi, sondern
die Kreuzabnahme oder die Beweinung unter dem Kreuz zu sehen. Da auf der Kreuztragung weder Maria
noch Johannes Vorkommen, erscheint die Darstellung der Kreuzabnahme am sinnvollsten. Sie allein gestattet
wieder die Entfaltung einer größeren aufgeregten Menschenmenge. Der völligen seelischen Isolierung der
Figur des Erlösers in einer Welt voll Haß und Gleichgültigkeit, wie sie diese Kreuztragung zeigt, würde
die Gegenüberstellung des toten Erlösers und der geschäftig bewegten Männer, die sich mit der Abnahme
des Leichnams vom Kreuz abmühen, wohl entsprechen. In den Lüften rechts oben ist wieder an einen
trauernden Engel zu denken.
Offen bleibt noch die Frage, was auf dem Rund auf der Rückseite dieses rechten Flügels gegenüber
dem spielenden Christkind des linken zu sehen war. Ähnliche Rundbilder enthalten die Rückseiten der beiden
Höllenflügel des Hieronymus Bosch in der Sammlung Koenigs 9 in Haarlem, und zwar zeigt hier jeder der
Flügel zwei Rundbilder übereinander. Nur auf einer dieser vier Darstellungen ist Christus zu sehen, offenbar
als Erretter einer armen Seele, während auf den drei anderen der Kampf des einzelnen Menschen mit
den Geistern der Hölle geschildert ist. Es ist also sehr wohl möglich, daß auch auf der Rückseite des verschollenen
rechten Flügels des Kreuzigungsaltärchens das böse Prinzip in Gestalt einer Höllenfigur dem
laufenden Christkinde gegenübergestellt war.
7 Es ist überhaupt auffallend, daß die Werke des Hieronymus Bosch so häufig mit Veränderungen kopiert worden
sind. Außer auf die bekannten Kopien berühmter Kompositionen, wie das oben erwähnte Ecce homo, wie die Gefangennahme
Christi, die Dornenkrönung, die Versuchung des heiligen Antonius, das Steinschneiden, den Gaukler etc., weise ich auch auf
die Zeichnung mit der Darstellung des sterbenden Geizhalses im Louvre hin, die bisher für ein Original gegolten hat, die sich
aber nun, nachdem das eigenhändige Gemälde des Hieronymus Bosch, eine abgesägte Flügelaußenseite, aufgetaucht ist, als
eine teilweise mißverstandene Reduktion der Bildkomposition von fremder Hand herausgestellt hat.
8 Erst nach Drucklegung dieser Seiten wurde mir die Photographie einer auf Leinwand gemalten Kreuztragung des
Hieronymus Bosch, eines sogenannten »Tüchleins«, das im englischen Kunsthandel aufgetaucht ist, bekannt. Es ist ein Breitbild
(77'SX87'5 cm). Im Vordergrund zieht der Hauptzug mit Christus vorbei. Seine »tète« gabelt sich der Enge des Weges halber
und verschwindet zum Teil hinter Felsblöcken. Im Mittelgrund bewegt sich, dem ersten Zuge parallel und durch unbewachsene
Terrainwellen von ihm getrennt, ein zweiter mit den beiden Schächern. Im Hintergrund sehen wir links die Mauern von
Jerusalem und rechts die kahle Schädelstätte, wo eben vor einer bereits versammelten Menge ein leeres überhohes Schächerkreuz
mittels zweier Seile aufgerichtet wird. Der Stil der Figuren steht dem der Wiener Kreuztragung ganz nahe, viel näher als der
Kreuztragung im Escurial, doch ist auch nicht eine wörtliche Wiederholung feststellbar, so daß auch diese eigenartige Komposition
ganz als eine Erfindung des Meisters anzusehen ist.
9 Siehe: »Museum Boymans, Rotterdam, 1935, Verzameling F. Koenigs Schilderijen«. Abb. IV und VI.
2 Jahrbuch N. F. IX.
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