Full text: Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 4 (N.F.) (IV=40)

Abb. 256. Cariani, Bad der Diana. Stich. 
WIEDERGEFUNDENE GEMÄLDE AUS DER SAMMLUNG 
DES ERZHERZOGS LEOPOLD WILHELM. 
VON JOHANNES WILDE. 
U nter den großen Privatsammlungen der Barockzeit kommt der Sammlung des Statthalters der Nieder 
lande Erzherzog Leopold Wilhelm (1614 1662) eine besonders vornehme Stellung zu. Zuerst wegen 
ihres Umfanges, der jenem größerer staatlicher Sammlungen der Gegenwart nahekommt; dann wegen der 
erstaunlichen Kürze der Zeitspanne, in der sie zusammengetragen wurde, ohne daß — soweit wir sehen — 
irgendeine früher bestehende Einheit in sie einverleibt worden wäre; schließlich wegen der hohen Qualität 
der Kunstwerke, ihrer kennerisch und kunsthistorisch geschulten Auswahl. Sie ist auch die einzige unter 
den Barocksammlungen, die uns — wenigstens soweit es die Gemälde anbelangt und wenn auch in einer 
noch umfassenderen Einheit aufgegangen — im wesentlichen heute noch erhalten ist. 
Es ist daher auffallend, daß sie bisher keine monographische Behandlung erfahren hat. Für eine 
solche Arbeit liegt ein ungewöhnlich reiches und zuverlässiges Quellenmaterial vor. Das Inventar der Sammlung 
aus dem Jahre 1659' ist bekanntlich durch die Sorgfalt und Ausführlichkeit seiner Beschreibungen, die 
Genauigkeit der Maßangaben und die fachkundige Vorsicht, die seine Verfertiger bei den Benennungen 
geleitet hat, das beste aller Kunstinventare des 17. Jahrhunderts. Dazu kommen als bildliche Quellen zahl 
reiche Interieurdarstellungen der Galerie von der Hand des jüngeren Teniers, der die Sammlung in Brüssel 
während der Statthalterschaft des Erzherzogs (1646 -1656) verwaltet hat, ferner die sogenannten »pastiches« 
desselben Teniers, kleine farbige Kopien nach mehr als zweihundert hervorragenden Gemälden der Sammlung, 
und schließlich das unter dem Titel »Theatrum Pictorium« 1660 in Antwerpen erschienene, Stichrepro 
duktionen von 246 Bildern enthaltende Galeriewerk. Die bildlichen Quellen sind besonders für denjenigen 
von großem Nutzen, der sich mit den italienischen Teilen der Sammlung befaßt. 
Mit Studien zu einer Rekonstruktion des vollständigen einstigen Bestandes der erzherzoglichen Galerie 
beschäftigt, konnten wir feststellen, daß von den im Inventar verzeichneten italienischen Gemälden eine 
beträchtlich größere Anzahl, als man bisher annahm, heute noch vorhanden ist. Die Bedeutsamkeit der be 
kannten Bilder rechtfertigt die Erwartung, daß auch jedes neu auftauchende oder identifizierte Werk unser 
1 Herausgegeben von Adolf Berger im Jb. d. kh. Sign., I., S. LXXIXff. 
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