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Die weltliche Schatzkammer in Wien.
der beiden pollices mit der eigentlichen Lanzenklinge werden aber
natürlich ganz ebenso wie durch die Verwandlung des am Wiener
Vorbild gleichfalls selbständigen und nur lose eingepaßten Nagelstiftes
in das Klingenrückgrat die Drahtbänder und -kreuze, deren
Sinnlosigkeit Hofmeister selbst zugeben muß, an der Krakauer Lanze
vollkommen überflüssig und unverständlich.
Hofmeister selbst muß bei der Krakauer Lanze eine Abweichung
von dem Urbild, freilich von dem ihm vorschwebenden, einräumen,
nämlich das Fehlen der aus den Passionsnägeln angefertigten Kreuze.
Dieser Mangel bestärkt ihn ja in der Meinung, daß die Krakauer
Lanze doch nicht die von Liudprand beschriebene und unter Heinrich
IV. verloren gegangene heilige Lanze des Deutschen Reiches
sein könne. Um so merkwürdiger ist es, daß er, der sich mit diesem
für ihn doch so schwerwiegenden Unterschied der polnischen Lanze
von ihrem von ihm angenommenen Urbild ohneweiters abfindet, auf
deren Abweichungen von ihrem in Wien tatsächlich noch vorhandenen
Vorbild ein solches Gewicht legt.
Jedenfalls aber sind die Schlußfolgerungen, zu denen Hofmeister
in seinem sonst so kenntnisreichen und scharfsinnigen Buche, dem
auch der Schreiber dieser Zeilen reichste Belehrung verdankt, hinsichtlich
der Echtheit der Wiener Lanze gelangt, aufs allerentschiedenste
abzulehnen. Liudprands Bericht stimmt vielmehr mit der
Wiener Lanze durchaus überein, die Krakauer Lanze ist nichts anderes
als eine Nachbildung der Wiener Lanze, und diese ist zweifellos
die von Heinrich I. mutmaßlich 926 von König Rudolf I. von
Burgund erhaltene heilige Lanze, das »Abzeichen des alten Reiches«.
Liudprand spricht weder von einem der Lanze umgelegten
Bande noch davon, daß sie zerbrochen sei. Man könnte sich demnach
beinahe versucht fühlen, aus seiner Beschreibung mit Hilfe
des argumentum ex silentio herauszulesen, daß die Lanze zu seinen
Tagen noch kein Band besessen habe und unversehrt gewesen sei.
Ich möchte aber diesen Schluß für falsch halten. Denn wenn dem
so gewesen wäre, so hätte Liudprand nicht von dem lumbus oder
der spina zwischen zwei Fenstern sprechen können, sondern hätte
sagen müssen: die Lanze hat in der Mitte eine längliche Öffnung
und darin ist die aus den Passionsnägeln hergestellte spina befestigt.
Von der Krakauer Lanze meint Hofmeister, daß 1025 der Polenfürst
Boleslaw Chabri sie zugleich mit der Krone aus eigenem
Antrieb als Königszeichen angenommen habe. Wilhelm Tangl hält es sogar nach Hofmeister wieder
für möglich, daß die Lanze schon im Jahre 1000 Boleslaw Chabri von Otto III. verehrt worden sei 277 .
Die Krakauer Lanze ist aber bereits mit einem Bande versehen, und das setzt voraus, daß auch ihr
Vorbild, die deutsche Lanze, spätestens damals, als die polnische angefertigt wurde, auch ein solches
Band besessen hat, natürlich ein anderes als das silberne, das sie heute trägt. Damit kommen wir aber
mit dem Bande und dem durch dieses wieder vorausgesetzten Bruch der Lanze schon fast in die Zeit
Liudprands.
Damals müssen auch schon, deuten wir des Cremoneser Bischofs acies oder pollices richtig, rechts
und links über den Knebeln der Lanze die beiden messerklingenartigen Eisenflanschen vorhanden gewesen
sein. Zweifellos gab es sie bereits unter Konrad II., denn es nimmt, wie schon erwähnt, die Aushöhlung
im Querbalken des Reichskreuzes auf diese rätselhaften Anstückungen und, fast möchte man meinen, auch
bereits auf ein Band Rücksicht.
277 Das Zitat bei Erben a. a. O., S. 370, Anmerkung 43.
8 Jahrbuch N. F. I