Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 1 (N.F.) (I=37)

Die  weltliche  Schatzkammer  in  Wien.

Lanze  vorfinden  und  vorne  und  hinten  sowohl  am  Nagel  als  auch  an
den  beiden  Knebeln  der  Lanzenklinge  eingehauen  und  mit  Gold  ausgefüllt ­
  sind 272 .  Natürlich  sind  dann  das  auch  jene  Kreuze,  die  der
heiligen  Lanze  unter  Konrad  II.  bei  Arnold  von  St.  Emmeram  den
Namen  crucifera  eingetragen  haben.
In  seiner  Meinung,  daß  die  in  der  Wiener  Schatzkammer  verwahrte ­
  Lanze  nicht  mehr  das  ursprüngliche  »Abzeichen  des  alten
Reiches«  sei,  wird  Hofmeister  durch  einen  Vergleich  der  Wiener
mit  der  Krakauer  Lanze  (.Abb.  21) 273  bestärkt.  Diese  habe  vor  allem
»zu  beiden  Seiten  des  stark  hervortretenden  Mittelgrates  schmale  längliche ­
  Öffnungen«,  »die  beiden  Fenster«,  aber  »auch  das  ,declivum
medium 4 ,  das  heißt  die  Stelle,  von  der  beiderseits,  nach  der  Spitze
und  nach  dem  Schaft  zu,  die  Seitenkanten  sich  einander  nähern.«
Nun,  das  declivum  medium  in  diesem  Sinne  findet  sich  an  der
Wiener  Lanze  auch,  aber  die  beiden  mit  Lederriemchen  und  Silberdrähten ­
  befestigten,  außen  mit  Schneiden  versehenen  Eisenflanschen
rechts  und  links,  die  selbstverständlich  nichts  anderes  sind  als  Liudprands
  acies  und  pollices,  erstrecken  sich  nicht  ganz  bis  zu  dieser
breitesten  Stelle  der  Klinge.  Wenn  man  aber  bedenkt,  wie  gerade
hier  das  Riemengeflecht,  von  dem  heute  ja  nur  mehr  ein  Teil  und
vielleicht  nicht  einmal  ein  ursprünglicher  erhalten  ist,  die  Form  verhüllt, ­
  so  ist  diese  kleine  Ungenauigkeit  des  Berichterstatters  aus  dem
10.  Jahrhundert  nur  allzu  begreiflich.
An  der  polnischen  Lanze  aber  sind  der  mittlere  Grat  und  die
Fenster  zu  seinen  beiden  Seiten,  Dinge,  die  für  Hofmeister  eine  so
ausschlaggebende  Bedeutung  gewonnen  haben,  nichts  anderes  als  eine
mißverstandene  Wiedergabe  des  Nagels  in  der  Mitte  und  der  schmalen
spaltartigen  Öffnungen  rechts  und  links  von  ihm  an  der  Wiener  Lanze.
Das  keulenförmige  obere  Ende  des  Nagels  fügt  sich  so  genau  der
Spitze  des  Schlitzes  ein,  und  zwischen  dem  dünnen  Nagelhals  und
den  Rändern  der  langgezogen  spitzovalen  Öffnung  in  der  Mitte  der
Lanzenklinge  ist  zu  beiden  Seiten  so  viel  Raum,  daß  das  Mißverständnis ­
  des  Waffenschmiedes,  der  die  Krakauer  Lanze  hergestellt
hat,  mehr  als  verzeihlich  ist.  Man  sehe  bloß,  wie  ungenau  und  mißverstanden ­
  die  Lanze  auf  der  Malerei  in  dem  Schrein,  in  dem  in
Nürnberg  die  Reichskleinodien  und  -reliquien  auf  bewahrt  waren 274 ,
des  silbernen  Bandes  der  Reichslanze.  Und  auf  dem  HolzSchmtt  elnes  Flugblattes 275 ,  beides  Darstellungen
aus  dem  späten  15.  Jahrhundert,  wiedergegeben  ist.  Ganz  mißverstanden ­
  ist  an  der  Krakauer  Lanze  auch  der  untere  Teil  der  Klinge.  Die  am  Original  in  der  Wiener  Schatzkammer ­
  an  das  eigentliche  Lanzeneisen,  genauer:  an  seinen  Hals  und  über  den  Knebeln  festgebundenen,
tatsächlich  aber  selbständigen  zwei  Eisenschneiden  rechts  und  links  sind  an  der  polnischen  Lanze  zu  festen
Teilen  der  Klinge  selbst  geworden.  (Höchst  lehrreicher  Weise  ist  derselbe  Fehler  auch  noch  dem  Zeichner,
der  für  die  Biblioteka  Warszawska 276  die  Krakauer  und  die  Wiener  Lanze  lithographiert  hat,  unterlaufen,
ein  Vorfall,  der  Hofmeister  zum  warnenden  Exempel  hätte  dienen  können.)  Durch  diese  Verschmelzung

272  Das  Gold  muß  aber  stark  mit  Kupfer  legiert  sein,  denn  bis  zum  Mai  1924,  da  die  Lanze  zerlegt  und  gereinigt  wurde,
waren  die  Kreuze  dick  mit  Grünspan  überzogen.
273  Die  Abbildung  gibt  die  polnische  Lanze  meines  Wissens  zum  erstenmal  nach  einer  Photographie  wieder.  Diese  wird
dem  freundlichen  Entgegenkommen  des  Krakauer  fürstbischöflichen  Ordinariates  verdankt.
274  Schlosser,  1.  c.,  Fig.  2  auf  S.  19.
275  Schlosser,  1.  c.,  Fig.  5  auf  S.  22.
276  Alexander  Przezdziecki,  O  wlöczni  zwané  S.  Maurycego,  ...  In  der  Biblioteka  Warszawska,  Warschau  1861,  II.  Bd.
Taf.  vor  S.  505.
            
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