Die weltliche Schatzkammer in Wien.
sind, Originale und Kopien auseinanderzuhalten, entscheiden: ich, der ich die Klassizität
von des Cremoneser Bischofs Latein und seine und eines mittelalterlichen Waffenschmiedes
Genauigkeit in der Beobachtung anzweifle, oder Hofmeister, der, als er Text und
Nebenlanze mit der Reichslanze nicht in Einklang zu bringen vermag, diese, die
gerade er in seiner Schrift uns aufs neue verehren lehrt, als Fälschung hinstellt.
Hofmeister kommt zu seinem Ergebnis, wie schon angedeutet, auf zwei Wegen:
einmal findet er, daß der Bericht Liudprands zu der in Wien verwahrten Lanze nicht
passe, und dann stellt er fest, daß Liudprands Beschreibung mit der Krakauer Lanze
übereinstimme, was ihn in seiner Meinung, daß die echte, von Liudprand beschriebene
Lanze verloren gegangen sei, bestärkt und zur Annahme verleitet, die Krakauer Lanze
habe uns ein richtiges Abbild der in Verlust geratenen ursprünglichen Lanze erhalten.
Prüfen wir vor allem die in Betracht kommenden Stellen von Liudprands Bericht
und Hofmeisters Übersetzung derselben.
Bei Liudprand heißt es: »Erat enim exepta ceterarum specie lancearum novo quodam
modo novaque elaborata figura, habens iuxta lumbum medium utrobique fenestras.
Hec (!) pro pollicibus perpulcrae duae acies usque ad declivum
medium lanceae extenduntur. Hane igitur Constantini Magni, sanctae filii Helenae,
vivificae crucis inventricis, fuisse adfirmant, quae media in spina, quam lumbum
superius nominavi, ex clavis manibus pedibusque domini et redemptoris nostri Jesu
Christi adfixis cruces habet.«
Wie hier bei der Wiedergabe der Liudprand-Stelle die von Hofmeister vorgenommene
Sperrung beibehalten wurde, so sei im nachfolgenden vorerst einmal
auch seine Übersetzung abgedruckt, zu der ich einstweilen nur bemerken möchte,
daß ich mir seine auf Albrecht von Trois Fontaines zurückgehende Konjektur, als
erstes Wort des zweiten Satzes »Ac« statt »Hec« zu lesen, ebenso wie seine Annahme,
daß pollex und acies nur zwei verschiedene Ausdrücke für eine und dieselbe Sache
seien, ohne weiters zu eigen mache: »,Die Lanze 1 , oder richtiger die Lanzenspitze
oder das Lanzeneisen, ,hat neben dem mittleren Grat zu beiden Seiten fensterartige
Öffnungen und die für Seitenkanten sehr schönen beiden Schneiden ziehen sich (oder:
als Seitenkanten ziehen sich zwei sehr schöne Schneiden) bis zur abfallenden Mitte
(oder: zum mittleren Abfall) des Lanzeneisens hin. 1 ,An dem genannten mittlern
Grat hat das Lanzeneisen Kreuze aus den Nägeln, die durch die Hände und Füße
Christi geschlagen waren. 1 «
Der letzte Satz ist meiner Meinung nach falsch übersetzt. Das Beziehungswort
für das präpositionale Attribut ex clavis manibus pedibusque domini et redemptoris
nostri Jesu Christi ist nicht cruces, sondern spina! Der Satz lautet, richtig übersetzt:
»An dem in der Mitte befindlichen Dorn (oder: mitten an dem Dorn) aus den Nägeln, die durch die
Hände und Füße unseres Herrn und Erlösers Jesu Christi geschlagen waren, hat das Lanzeneisen Kreuze.«
Schon damit hat sich aber die Sachlage mit einem Schlage geändert.
Hofmeister wird zu seiner Annahme, daß die ursprüngliche Lanze zwischen 1035 un d 1099 durch
eine neue ersetzt worden sei, durch die Wahrnehmung gebracht, daß in diesem Zeitraum, und zwar von
dem von Heinrichs IV. Kampf mit den Sachsen und Rudolf von Schwaben berichtenden Mailänder Landulf
angefangen, die Geschichtschreiber unter einem mit der Lanze ausdrücklich immer den mit ihr verbundenen
oder in sie eingeschlossenen Nagel des Herrn nennen, während seiner Meinung nach ein solcher von dem
nur von Kreuzen, die aus den Passionsnägeln verfertigt waren, sprechenden Liudprand nicht erwähnt wird.
Die spina ex clavis ist eben ein und dasselbe wie der clavus, mag sie aus einem einzigen Kreuzesnagel
oder aus dem Teil eines solchen zurechtgehämmert oder mag sie ein besonders geformtes Stück
Eisen sein, in das Feilspänchen eines Nagels hineinverschmolzen sind, oder mag sie endlich bloß mit einem
solchen Nagel berührt worden sein.
Sind aber bei Liudprand die cruces der Lanze des präpositionalen Attributes ex clavis ... los und
ledig geworden, so stehen sie ohneweiters für jene Kreuze zur Verfügung, die sich tatsächlich an der
Abb. 21.
Die polnische Lanze
im Dom zu Krakau.