Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 1 (N.F.) (I=37)

Die  weltliche  Schatzkammer  in  Wien.
sind,  Originale  und  Kopien  auseinanderzuhalten,  entscheiden:  ich,  der  ich  die  Klassizität
von  des  Cremoneser  Bischofs  Latein  und  seine  und  eines  mittelalterlichen  Waffenschmiedes
Genauigkeit  in  der  Beobachtung  anzweifle,  oder  Hofmeister,  der,  als  er  Text  und
Nebenlanze  mit  der  Reichslanze  nicht  in  Einklang  zu  bringen  vermag,  diese,  die
gerade  er  in  seiner  Schrift  uns  aufs  neue  verehren  lehrt,  als  Fälschung  hinstellt.
Hofmeister  kommt  zu  seinem  Ergebnis,  wie  schon  angedeutet,  auf  zwei  Wegen:
einmal  findet  er,  daß  der  Bericht  Liudprands  zu  der  in  Wien  verwahrten  Lanze  nicht
passe,  und  dann  stellt  er  fest,  daß  Liudprands  Beschreibung  mit  der  Krakauer  Lanze
übereinstimme,  was  ihn  in  seiner  Meinung,  daß  die  echte,  von  Liudprand  beschriebene
Lanze  verloren  gegangen  sei,  bestärkt  und  zur  Annahme  verleitet,  die  Krakauer  Lanze
habe  uns  ein  richtiges  Abbild  der  in  Verlust  geratenen  ursprünglichen  Lanze  erhalten.
Prüfen  wir  vor  allem  die  in  Betracht  kommenden  Stellen  von  Liudprands  Bericht
und  Hofmeisters  Übersetzung  derselben.
Bei  Liudprand  heißt  es:  »Erat  enim  exepta  ceterarum  specie  lancearum  novo  quodam
modo  novaque  elaborata  figura,  habens  iuxta  lumbum  medium  utrobique  fenestras.
  Hec  (!)  pro  pollicibus  perpulcrae  duae  acies  usque  ad  declivum
medium  lanceae  extenduntur.  Hane  igitur  Constantini  Magni,  sanctae  filii  Helenae,
vivificae  crucis  inventricis,  fuisse  adfirmant,  quae  media  in  spina,  quam  lumbum
superius  nominavi,  ex  clavis  manibus  pedibusque  domini  et  redemptoris  nostri  Jesu
Christi  adfixis  cruces  habet.«
Wie  hier  bei  der  Wiedergabe  der  Liudprand-Stelle  die  von  Hofmeister  vorgenommene ­
  Sperrung  beibehalten  wurde,  so  sei  im  nachfolgenden  vorerst  einmal
auch  seine  Übersetzung  abgedruckt,  zu  der  ich  einstweilen  nur  bemerken  möchte,
daß  ich  mir  seine  auf  Albrecht  von  Trois  Fontaines  zurückgehende  Konjektur,  als
erstes  Wort  des  zweiten  Satzes  »Ac«  statt  »Hec«  zu  lesen,  ebenso  wie  seine  Annahme,
daß  pollex  und  acies  nur  zwei  verschiedene  Ausdrücke  für  eine  und  dieselbe  Sache
seien,  ohne  weiters  zu  eigen  mache:  »,Die  Lanze 1 ,  oder  richtiger  die  Lanzenspitze
oder  das  Lanzeneisen,  ,hat  neben  dem  mittleren  Grat  zu  beiden  Seiten  fensterartige
Öffnungen  und  die  für  Seitenkanten  sehr  schönen  beiden  Schneiden  ziehen  sich  (oder:
als  Seitenkanten  ziehen  sich  zwei  sehr  schöne  Schneiden)  bis  zur  abfallenden  Mitte
(oder:  zum  mittleren  Abfall)  des  Lanzeneisens  hin. 1  ,An  dem  genannten  mittlern
Grat  hat  das  Lanzeneisen  Kreuze  aus  den  Nägeln,  die  durch  die  Hände  und  Füße
Christi  geschlagen  waren. 1 «
Der  letzte  Satz  ist  meiner  Meinung  nach  falsch  übersetzt.  Das  Beziehungswort
für  das  präpositionale  Attribut  ex  clavis  manibus  pedibusque  domini  et  redemptoris
nostri  Jesu  Christi  ist  nicht  cruces,  sondern  spina!  Der  Satz  lautet,  richtig  übersetzt:
»An  dem  in  der  Mitte  befindlichen  Dorn  (oder:  mitten  an  dem  Dorn)  aus  den  Nägeln,  die  durch  die
Hände  und  Füße  unseres  Herrn  und  Erlösers  Jesu  Christi  geschlagen  waren,  hat  das  Lanzeneisen  Kreuze.«
Schon  damit  hat  sich  aber  die  Sachlage  mit  einem  Schlage  geändert.
Hofmeister  wird  zu  seiner  Annahme,  daß  die  ursprüngliche  Lanze  zwischen  1035  un  d  1099  durch
eine  neue  ersetzt  worden  sei,  durch  die  Wahrnehmung  gebracht,  daß  in  diesem  Zeitraum,  und  zwar  von
dem  von  Heinrichs  IV.  Kampf  mit  den  Sachsen  und  Rudolf  von  Schwaben  berichtenden  Mailänder  Landulf
angefangen,  die  Geschichtschreiber  unter  einem  mit  der  Lanze  ausdrücklich  immer  den  mit  ihr  verbundenen
oder  in  sie  eingeschlossenen  Nagel  des  Herrn  nennen,  während  seiner  Meinung  nach  ein  solcher  von  dem
nur  von  Kreuzen,  die  aus  den  Passionsnägeln  verfertigt  waren,  sprechenden  Liudprand  nicht  erwähnt  wird.
Die  spina  ex  clavis  ist  eben  ein  und  dasselbe  wie  der  clavus,  mag  sie  aus  einem  einzigen  Kreuzesnagel ­
  oder  aus  dem  Teil  eines  solchen  zurechtgehämmert  oder  mag  sie  ein  besonders  geformtes  Stück
Eisen  sein,  in  das  Feilspänchen  eines  Nagels  hineinverschmolzen  sind,  oder  mag  sie  endlich  bloß  mit  einem
solchen  Nagel  berührt  worden  sein.
Sind  aber  bei  Liudprand  die  cruces  der  Lanze  des  präpositionalen  Attributes  ex  clavis  ...  los  und
ledig  geworden,  so  stehen  sie  ohneweiters  für  jene  Kreuze  zur  Verfügung,  die  sich  tatsächlich  an  der

Abb.  21.
Die  polnische  Lanze
im  Dom  zu  Krakau.
            
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