Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 1 (N.F.) (I=37)

Kaiserkrone  gehandelt  wird,  war  dieser  ein  Milchopal,  und  ein  solcher  findet  sich  in  der  Wenzelskrone  nicht.
Es  ist  wohl  auch  nicht  richtig,  daß  Karl  IV.  den  berühmten  Stein  der  deutschen  Kaiserkrone  entfremdet
hat,  obgleich  es,  wie  bekannt,  höchst  wahrscheinlich  ist,  daß  er  das  im  Prager  St.-Veitsdom  verwahrte  Stück
eines  Nagels  vom  Kreuze  Christi  von  dem  in  die  Mauritiuslanze  eingefügten  Nagel  abgebrochen  hat.  Richtig
aber  dürfte  es  sein,  daß  der  »Weise«  schon  sehr  frühe,  vielleicht  noch  im  14.  Jahrhundert,  aus  der  Krone  verschwunden ­
  ist.  Jedenfalls  wird  des  Weisen  in  der  ersten  und  zweiten  Matrikel,  der  lateinischen  Übergabsurkunde ­
  Ludwigs  von  Brandenburg  und  der  deutschen  Empfangsurkunde  Karls  IV.,  beide  vom  Jahre  1350,
noch  Erwähnung  getan,  während  er  in  der  dritten  Matrikel,  der  Urkunde  Kaiser  Sigismunds  vom  Jahre  1423,
nicht  mehr  vorkommt 261 .  Ferner  muß  es  auffallen,  daß  die  dichterischen  Erwähnungen  des  Steines,  die  bei
Grimm  zusammengestellt  sind,  alle  dem  12.  und  13.  Jahrhundert  angehören,  während  später  von  ihm  nicht  mehr
die  Rede  zu  sein  scheint.  Schlosser  führt,  wie  Winckler,  nur  die  Stelle  aus  dem  einen  Spruch  Walthers  von  der
Vogelweide  an,  auf  die  noch  zurückzukommen  ist.  Walther  gedenkt  des  Steines  aber  noch  ein  zweites  Mal 262 ,
und  außer  ihm  tun  dies  auch  noch  der  Dichter  des  Liedes  vom  Herzog  Ernst,  der  ja  den  Stein  aus  dem
Morgenland  gebracht  haben  soll  (4462  Bartsch),  Reinmar  von  Zweter  (2,  162,  8  Röthe),  Hans  von  Krolewitz
(Vater  unser,  1203)  und  Konrad  von  Würzburg  (Trojanischer  Krieg,  20  Keller).  Die  Stellen  mögen  bei
Grimm  nachgelesen  werden.  Trotz  den  öfter  zitierten  Versen  Walthers  von  der  Vogelweide
»swèr  nü  des  riches  irre  gë,
der  schouwe  wem  der  weise  ob  sime  nacke  stë:
der  stein  ist  aller  fürsten  leitesterne«
und  trotz  den  hiemit  von  Haupt  verglichenen  Versen  (Helbling  2,  880)
»daz  got  im  imer  schone
den  stein  lâz  an  sim  nacke  stën,
dem  alle  fürsten  nâch  gën,« 263
trotz  diesen  Versen,  die  auch  das  Grimmsche  Wörterbuch  zur  Annahme  verleitet  haben,  der  »Weise«  wäre
wirklich  dem  Rückblatt  der  Krone  eingefügt  gewesen,  möchte  ich  doch  meinen,  daß  die  Wendung  »über
seinem  Nacken  stehen«  nicht  wörtlich  zu  nehmen  ist  und  sich  der  »Weise«  dort  befand,  wo  er  zuerst  auffallen ­
  mußte,  nämlich  an  der  Vorderplatte  der  Krone,  über  der  Stirn  des  Herrschers  und  unter  dem  angesteckten ­
  Kreuz.  Wirklich  sitzt  nun  gerade  an  diesem  Ehrenplatz,  wie  bereits  erwähnt,  ein  Stein,  der
offenbar  ursprünglich  dort  nicht  gewesen  ist.  Die  Öffnung,  in  der  er  sich  mit  Hilfe  von  Draht  erhält,  ist  für
ihn  viel  zu  groß  und  ist  oval,  während  er  herzförmig  ist.  Doch  ist  es  ein  schöner  Stein,  und  zwar  wie
gesagt,  ein  indischer  Saphir,  der  nach  seinem  Schliff  zu  urteilen,  sehr  alt  sein  muß,  was  schließlich  vielleicht
auch  dafür  spricht,  daß  der  »Weise«,  dessen  Platz  er  usurpiert,  schon  vor  langer  Zeit  der  Krone  entfremdet
worden  sein  muß.
II.
Auf  der  Krone  befindet  sich  noch  ein  Stein,  der,  in  der  letzten  Zeit  anscheinend  in  Vergessenheit
geraten,  es  doch  verdient,  erwähnt  zu  werden.  Er  sitzt  auf  der  nur  mit  Steinen  und  Perlen  geschmückten  Platte
zwischen  den  beiden  Zellenschmelzplatten  mit  dem  König  Salomo  und  mit  dem  König  David.  Es  ist  der
mäßig  große  Stein  links  unten,  links  vom  schönsten  Saphir,  den  die  Krone  aufweist,  ein  Amethyst  und  ein
Intaglio,  in  den  ein  spätantikes,  nach  links*  gerichtetes  langhalsiges  Köpfchen,  bartlos,  lockig  und  bekränzt,
eingeschnitten  ist.  Murr  erwähnt  es,  nennt  aber  den  Stein  einen  Saphir 264 .  Bei  Delsenbach 265  ist  es  auf
Tafel  I  und  II  zu  erkennen,  doch  ist  das  eine  Mal  der  Stein  karminrot,  das  zweite  Mal  himmelblau  gefärbt.

561  S.  Murr,  Reichskleinodien,  S.  3  f.,  denselben,  Journal  zur  Kunstgeschichte  und  zur  allgemeinen  Litteratur,  Nürnberg,
XIV.  Teil  (1787),  S.  164,  Anm.  *)  und  S.  165,  und  nochmals  denselben,  Journal,  XII.  (1784),  S.  47,  49  und  76  fr.
262  Im  Spruch  »Der  Wahlstreit«.  S.  Walther  von  der  Vogelweide,  ed.  W.  Wilmanns,  2.  Aufl.,  Halle  a.  S.  1883,  S.  118,
V.  13—15-263
  Walther  von  der  Vogelweide,  I.  c.,  S.  145,  Anmerkung  4.
264  Beschreibung  der  Reichskleinodien,  S.  6.
365  Delination  exacte  des  orneméns(l)  impériaux  du  saint  empire  Romain  et  Allemand.  Gardés  dans  la  ville  libre  et
impériale  de  Nuremberg.  Dessinés  et  gravés  aux  depens(!)  de  feu  monsieur  le  sénateur  Jerome  Guillaume  Ebner  d’Eschenbach,
par  Jean  Adam  Delsenbach.  Avec  les  saintes  reliques  gravées  d’après  les  dessins  de  Frédéric  Juvenell.  En  douze  planches
gravées.  Avec  une  description.  A  Nuremberg,  chez  Adam  Gottlieb  Schneider.  1790.

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