Kaiserkrone gehandelt wird, war dieser ein Milchopal, und ein solcher findet sich in der Wenzelskrone nicht.
Es ist wohl auch nicht richtig, daß Karl IV. den berühmten Stein der deutschen Kaiserkrone entfremdet
hat, obgleich es, wie bekannt, höchst wahrscheinlich ist, daß er das im Prager St.-Veitsdom verwahrte Stück
eines Nagels vom Kreuze Christi von dem in die Mauritiuslanze eingefügten Nagel abgebrochen hat. Richtig
aber dürfte es sein, daß der »Weise« schon sehr frühe, vielleicht noch im 14. Jahrhundert, aus der Krone verschwunden
ist. Jedenfalls wird des Weisen in der ersten und zweiten Matrikel, der lateinischen Übergabsurkunde
Ludwigs von Brandenburg und der deutschen Empfangsurkunde Karls IV., beide vom Jahre 1350,
noch Erwähnung getan, während er in der dritten Matrikel, der Urkunde Kaiser Sigismunds vom Jahre 1423,
nicht mehr vorkommt 261 . Ferner muß es auffallen, daß die dichterischen Erwähnungen des Steines, die bei
Grimm zusammengestellt sind, alle dem 12. und 13. Jahrhundert angehören, während später von ihm nicht mehr
die Rede zu sein scheint. Schlosser führt, wie Winckler, nur die Stelle aus dem einen Spruch Walthers von der
Vogelweide an, auf die noch zurückzukommen ist. Walther gedenkt des Steines aber noch ein zweites Mal 262 ,
und außer ihm tun dies auch noch der Dichter des Liedes vom Herzog Ernst, der ja den Stein aus dem
Morgenland gebracht haben soll (4462 Bartsch), Reinmar von Zweter (2, 162, 8 Röthe), Hans von Krolewitz
(Vater unser, 1203) und Konrad von Würzburg (Trojanischer Krieg, 20 Keller). Die Stellen mögen bei
Grimm nachgelesen werden. Trotz den öfter zitierten Versen Walthers von der Vogelweide
»swèr nü des riches irre gë,
der schouwe wem der weise ob sime nacke stë:
der stein ist aller fürsten leitesterne«
und trotz den hiemit von Haupt verglichenen Versen (Helbling 2, 880)
»daz got im imer schone
den stein lâz an sim nacke stën,
dem alle fürsten nâch gën,« 263
trotz diesen Versen, die auch das Grimmsche Wörterbuch zur Annahme verleitet haben, der »Weise« wäre
wirklich dem Rückblatt der Krone eingefügt gewesen, möchte ich doch meinen, daß die Wendung »über
seinem Nacken stehen« nicht wörtlich zu nehmen ist und sich der »Weise« dort befand, wo er zuerst auffallen
mußte, nämlich an der Vorderplatte der Krone, über der Stirn des Herrschers und unter dem angesteckten
Kreuz. Wirklich sitzt nun gerade an diesem Ehrenplatz, wie bereits erwähnt, ein Stein, der
offenbar ursprünglich dort nicht gewesen ist. Die Öffnung, in der er sich mit Hilfe von Draht erhält, ist für
ihn viel zu groß und ist oval, während er herzförmig ist. Doch ist es ein schöner Stein, und zwar wie
gesagt, ein indischer Saphir, der nach seinem Schliff zu urteilen, sehr alt sein muß, was schließlich vielleicht
auch dafür spricht, daß der »Weise«, dessen Platz er usurpiert, schon vor langer Zeit der Krone entfremdet
worden sein muß.
II.
Auf der Krone befindet sich noch ein Stein, der, in der letzten Zeit anscheinend in Vergessenheit
geraten, es doch verdient, erwähnt zu werden. Er sitzt auf der nur mit Steinen und Perlen geschmückten Platte
zwischen den beiden Zellenschmelzplatten mit dem König Salomo und mit dem König David. Es ist der
mäßig große Stein links unten, links vom schönsten Saphir, den die Krone aufweist, ein Amethyst und ein
Intaglio, in den ein spätantikes, nach links* gerichtetes langhalsiges Köpfchen, bartlos, lockig und bekränzt,
eingeschnitten ist. Murr erwähnt es, nennt aber den Stein einen Saphir 264 . Bei Delsenbach 265 ist es auf
Tafel I und II zu erkennen, doch ist das eine Mal der Stein karminrot, das zweite Mal himmelblau gefärbt.
561 S. Murr, Reichskleinodien, S. 3 f., denselben, Journal zur Kunstgeschichte und zur allgemeinen Litteratur, Nürnberg,
XIV. Teil (1787), S. 164, Anm. *) und S. 165, und nochmals denselben, Journal, XII. (1784), S. 47, 49 und 76 fr.
262 Im Spruch »Der Wahlstreit«. S. Walther von der Vogelweide, ed. W. Wilmanns, 2. Aufl., Halle a. S. 1883, S. 118,
V. 13—15-263
Walther von der Vogelweide, I. c., S. 145, Anmerkung 4.
264 Beschreibung der Reichskleinodien, S. 6.
365 Delination exacte des orneméns(l) impériaux du saint empire Romain et Allemand. Gardés dans la ville libre et
impériale de Nuremberg. Dessinés et gravés aux depens(!) de feu monsieur le sénateur Jerome Guillaume Ebner d’Eschenbach,
par Jean Adam Delsenbach. Avec les saintes reliques gravées d’après les dessins de Frédéric Juvenell. En douze planches
gravées. Avec une description. A Nuremberg, chez Adam Gottlieb Schneider. 1790.
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