Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 1 (N.F.) (I=37)

Die  weltliche  Schatzkammer  in  Wien.

und  Aachen  verdankt,  dennoch  manches  höchst  wichtige  Kunstwerk,  das  mit  den  Gegenständen  der  Schatzkammer ­
  aufs  engste  zusammenhängt,  nicht  im  Urbild  kennt,  was  gerade  bei  Goldschmiedearbeiten,  bei  denen  es
mehr  als  anderswo  auf  die  genaue  Kenntnis  der  Einzelheiten  ankommt,  besonders  schwer  ins  Gewicht  fällt.
Im  Verlauf  der  Arbeit  ist  es  ihm  auch  immer  deutlicher  geworden,  daß  die  auffallende  Unsicherheit,  die
z.  B.  über  so  allbekannte  und  hochverehrte  Kunstwerke  wie  etwa  die  deutsche  Kaiserkrone  und  das  Reichskreuz ­
  noch  immer  herrscht,  nicht  zuletzt  darauf  zurückzuführen  ist,  daß  sie  bisher  ungenügend  veröffentlicht
waren.  Diesem  Übelstand  suchen  namentlich  die  hier  beigefügten  guten  Wiedergaben  von  Einzelheiten  in
vergrößertem  Maßstab  abzuhelfen.  Vollständigkeit  ist  natürlich  nicht  angestrebt  und  es  wird  nur  immer
dort  etwas  vorgebracht,  wo  nach  der  Meinung  des  Verfassers  etwas  zu  sagen  war.  Endigt  im  folgenden
manchmal  die  eine  langwierige  Untersuchung  mit  einem  entsagungsvollen  »non  liquet«  und  versieht  vielleicht ­
  die  andere  sogar  ein  Problem,  das  längst  gelöst  zu  sein  schien,  neuerdings  mit  einem  nachdrücklichen
Fragezeichen,  können  als  Ergebnisse  oft  nur  kleine  Ergänzungen  und  Berichtigungen  gebucht  werden,  so
wird  sich  dafür  doch  auch  wieder  —  dies  hofft  der  Schreiber  dieser  Zeilen  zuversichtlich  —  eine  und
die  andere  der  vielen  und  verwickelten  Fragen,  die  sich  an  die  Reichskleinodien  knüpfen,  ihrer  Lösung
nähergebracht  finden.
Wenn  gerade  jetzt  wieder  und  nicht  nur  von  Wien  aus  der  Erforschung  der  Reichskleinodien,  die  ja  über
ihren  hohen  Kunst-  und  Alterswert  hinaus  noch  als  Symbole  längst  entschwundener  deutscher  Macht  und  Herrlichkeit ­
  einem  jeden  Deutschen  verehrungswürdig  sind,  eine  erhöhte  Aufmerksamkeit  gewidmet  wird,  so  sei
daran  erinnert,  daß  auch  Christoph  Gottlieb  v.  Murr  und  Franz  Bock  ihre  aufschlußreichen  Untersuchungen
an  Schicksalswenden  der  Geschichte  des  deutschen  Volkes  vorgenommen  haben:  jener,  als  bereits  die  Französische ­
  Revolution  ausgebrochen  war,  unter  deren  Ansturm  bald  darauf  der  altersmorsche  Bau  des  Heiligen
Römischen  Reiches  Deutscher  Nation  zusammenkrachen  sollte,  —  dieser,  als  sich  die  Deutschen  des  Westens
und  die  des  Ostens  zum  Entscheidungskampf  um  die  Vorherrschaft  anschickten.
Geistliche  und  weltliche  Schatzkammer.
Spricht  man  von  der  Wiener  Schatzkammer  schlechthin,  so  meint  man  für  gewöhnlich  die  weltliche  und
übergeht  dabei  —  sehr  mit  Unrecht  —  die  geistliche  Schatzkammer.  Die  Scheidung  der  Schatzkammer  des
kaiserlichen  Hofes  in  eine  weltliche  und  eine  geistliche  geht  nicht  erst  auf  Kaiser  Josef  zurück,  sondern  ist
sehr  alt.  Schon  auf  den  1507—1512  in  der  Werkstatt  Hans  Kölderers  zu  Innsbruck  entstandenen  großen
Miniaturen  auf  Pergament  in  der  Albertina,  die  als  Vorlage  für  den  von  Dürer,  Burgkmair  und  anderen
Künstlern  auf  Holz  gezeichneten  Triumphzug  Kaiser  Maximilians  I.  dienten 1 ,  sind  der  »Geprauchschatz«
(Min.  79)  und  der  »Andachtschatz«  (Min.  78) 2  streng  voneinander  getrennt.  Ein  Gleiches  ist  auf  dem  hier
(Abb.  9)  abgebildeten  Holzschnitt  Albrecht  Altdorfers  vom  rechten  Turm  der  von  151  5  datierten  Ehrenpforte
der  Fall.  Dieser  auf  seinen  Gegenstand  hin  bisher  noch  nicht  gewürdigte  Holzschnitt  läßt  uns  einen  Blick
in  das  kaiserliche  Schatzgewölbe,  vielleicht  das  zu  Innsbruck,  tun.  Sicherlich  gibt  uns  der  Schnitt  keine
naturgetreue  Aufnahme,  kürzt  und  vereinfacht  er,  im  allgemeinen  vermittelt  er  uns  aber  doch  zweifellos  ein
richtiges  Bild.  Auf  dem  Tische  links  ist  in  F'orm  von  kostbarem  'lafelgerät,  von  Bechern,  Krügen,  Tellern
und  Bestecken,  der  weltliche  Schatz  aufgestapelt,  zu  dem  gewiß  auch  die  beiden  1  ruhen  auf  dem  Boden
gehören.  Die  vordere  ist  dicht  mit  Goldstücken  gefüllt,  was  bei  Maximilian,  der  sich  bekanntlich  stets  in
Geldnöten  befand,  vielleicht  als  keineswegs  unbeabsichtigte  ebensolche  Übertreibung  angesehen  werden  darf,
wie  der  den  Mund  voll  nehmende  Text  unter  dem  Bilde.  Der  Tisch  in  der  Mitte  enthält  den  »Andachtschatz«, ­
  ein  Kruzifix,  Leuchter,  ein  gewiß  mit  herrlichen  Miniaturen  ausgestattetes  Gebetbuch  und  vor  allem
Reliquiare  in  verschiedenen  Gestalten.  Am  Baldachin,  der  den  Tisch  rechts  überschattet,  und  auf  diesem
selbst  sind  endlich  die  Hoheitszeichen  und  der  persönliche  Schmuck  untergebracht.  Die  Kaiserkrone  mit
den  breiten,  langen  Pcndilien,  wohlbekannt  von  vielen  bildlichen  Darstellungen  Maximilians  her,  die  Krone
der  Kaiserin,  ein  Erzherzogshut,  Ringe,  Goldketten  und  Perlenschnüre,  vor  allem  aber  die  große  Kette  des
goldenen  Vlieses,  fallen  besonders  auf.
1  Vgl.  über  die  Miniaturen  zuletzt  insbesondere  Ludwig  Baldaß:  Albrecht  Altdorfer.  Wien  1923.  Bd.  II  der  vom  Kunsthistorischen ­
  Institut  des  Bundesdenkmalamtes  herausgegebenen  kunstgeschichtlichen  Einzelschilderungen.
2  Franz  Schestag,  Kaiser  Maximilians  I.  Triumph.  Jahrbuch  der  kunsthistorischen  Sammlungen  des  a.  h.  Kaiserhauses.
Wien,  I.  (1883),  S.  168.

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