Porträtkopf der heiligen Helena.
im Palazzo Doria 12 in Rom. Verwandte, wenn auch
etwas verschiedene Haartrachten haben die Frau
auf dem altchristlichen Sarkophag aus Syrakus 13 ,
die Frauenköpfchen in der Sammlung Carrand
in Florenz und im Museo Kircheriano in Rom 14 ,
sowie die Proiecta auf ihrem Silberkästchen im
British Museum 15 ; dagegen scheint die Mumien
tafel aus dem Fajum (Th. Graf, Katalog, Nr. 38)
nahezu dieselbe Frisur zur Darstellung zu bringen.
Weiter von der Haartracht des Wiener Kopfes ent
fernen sich die etwa gleichzeitigen, sonst ihm stilis
tisch ganz nahestehenden zwei Köpfe in Kopen
hagen 16 , von denen der eine (Nr. 773) schon lange als
Porträt der heiligen Helena gilt, und das Elfenbein-
büstchen in der Sammlung Stroganoff in Rom 17 . Bei
ihnen sind die undulierten Stirnwellen durch einen
strähnigen, wie gedreht aussehenden Wulst ersetzt.
Was die Münzbilder 18 betrifft, so gilt für sie
im ganzen dasselbe wie für die Skulpturen: die
einzelnen Elemente der Haartracht unseres Kopfes
kommen alle vor, doch scheinen sie in derselben
Kombination auf keinem nachweisbar zu sein. Am
häufigsten begegnet man den undulierten Stirn
wellen und dem scheitelzopfähnlichen Haarneste,
seltener der diademartigen Kranzflechte, die übri
gens von den Numismatikern in leicht begreiflichem
Irrtume nicht selten mit einem Lorbeerkranze ver
wechselt wird. Aus dem Umstande, daß die Haartracht des Wiener Kopfes so gut wie einzig dasteht, wird man mit
Recht auf die kurze Dauer ihrer Modegeltung schließen dürfen. Wie rasch übrigens die Haarmoden gerade in dieser
Zeit —in auffallendem Gegensätze zu anderen Perioden — wechselten, zeigt am deutlichsten das Beispiel der Kai
serin Fausta 19 , der Gemahlin Constantins des Großen, deren Münzen in der Zeit von 314 bis 326, nach Voetter 20 gar
nur von 323 bis 326, geprägt wurden. Sie erscheint mit drei ganz verschiedenen Frisuren: a) mit einfach gewelltem
Haar und hochsitzendem Nest auf dem Hinterkopfe (Cohen 22), b) mit unduliertem Haar und tief sitzenden Knoten
(Cohen 3, 5, 13, 25), c) mit undulierten Stirnlocken und Scheitelzopf (Cohen 4). Die einzelnen Bestandteile der
Haartracht unseres Kopfes sind zum Teil schon im 4. Jahrhundert vor Chr. nachweisbar 21 ; bloß der Scheitelzopf 22
12 Vgl. Arndt-Amelung a. a. O. Nr. 2316.
13 Abg. Gazette Archéologique 1877, pl. 25.
14 Abg. Graeven, Antike Schnitzereien, Nr. 13 und 49.
15 Vgl. Dalton, Catalogue of early Christian antiquities, Nr. 304, pl. XIV.
16 Glyptothek Ny Carlsberg, Billedtavler 772, 773 = Arndt, Griechische und römische Porträts, Taf. 57, 58.
17 Vgl. Graeven a. a. O. Nr. 67.
18 Vgl. Evans a. a. O. p. 59 ff., pl. V, VI; Maurice, Numism. Constant. I, II passim.
19 Vgl. Cohen, Médailles impériales VII, 2. edit, p. 332 ff.; Bernoulli a. a. O. II/3, S. 231fr., Münztafel IX, 1, 2; Gnecchi
in: Rivista italiana di numismatica 1890, fase. II, p. 187, tav. IV, 8—12; Maurice, Numism. Constant. I., p. 126 ff, 239, pl. X, 10,
u; pl. XVIII, 11; II, p. 63, pl. II, 21 und Numism. Chronicle 1914, P- 32iff, pl- XX.
20 Vgl. Voetter, Münzen der Kaiserinnen Fausta und Helena in: Monatsblatt der Wiener Numismatischen Gesellschaft 1898,
Nr. 176, S. 189
21 Vgl. Bremer s. v. »Haartracht« in Pauly-Wissowa a. a. O VII, Sp 2127, Absatz 2; Sp. 2128, Absatz 2.
22 Vgl. Steininger a. a. O. Sp. 2144, Absatz 2. — Eine wenigstens äußerliche Ähnlichkeit mit den Scheitelzöpfen des 3. und
4. Jahrhunderts n. Chr. zeigen die Frisuren aus der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts vor Chr, die man hauptsächlich an
den Fulvia-Octaviaköpfen sieht; vgl. Bernoulli a. a. O. 11/1, S. 116 ff; Helbig in: Monumenti de' Lincei I, p. 573 ff, tav. I, II;
Evans a. a. O. p. 59; Arndt, Griechische und römische Porträts, Taf 61—65; Steininger a a O. Sp. 2135 f.; Poulsen in: Römische
Mitteilungen 1914, S. 59 f. — Vgl. auch den Kopf im Vatikan (Museo Chiaramonti 511: Amelung a a. O. I, S. 647, Taf. 69) und
den in der Wiener Sammlung (Inv.-Nr. I, 1316) aus Cataio (vgl. Dütschke, Antike Bildwerke in Oberitalien V, Nr. 467 = Bernoulli
a. a. O. 11/1, S. 112, Nr. 14)-
Abb. 7. Kopf der heiligen Helena, Rückansicht.
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