Porträtkopf der heiligen Helena.
Das Haarnest am Hinterkopfe, in dem sich eine trichterförmige Vertiefung befindet, die in ihrem Grunde
noch ein rundes i cm tiefes und i'5 cm breites Loch mit Rostspuren zur Aufnahme eines Eisendübels zeigt, war
besonders angestückt 3 . An den Stellen, wo seine Ränder aufsaßen, haben sich noch deutlich erkennbare Spuren von
Kitt am Haupthaare, das unter dem Neste nicht ausgeführt war, erhalten. Die Befestigung des Haarnestes, dessen
innere Fläche nur im allgemeinen der Schädelform angepaßt gewesen zu sein scheint, so daß es keinen ganz
sichern Sitz hatte, wurde durch den großen horizontalen Mitteldübel bewirkt. Vielleicht zu ihrer Verstärkung
wurde außerdem noch darüber ein weit kleinerer senkrechter Eisenstift 4 unter dem Wirbel angebracht, dessen
Rest noch im Kopfe steckt.
Es ist zu bemerken, daß das Gesicht, obwohl der Kopf gewiß nur für die gerade Vorderansicht berechnet
war, zum Teil asymmetrisch ist, indem seine untere Hälfte von den Nasenflügeln an ein wenig nach seiner
rechten Seite verschoben ist. Die Abweichung von der Senkrechten beträgt an der Spitze des Kinnes etwa
5 mm. Dieser störend wirkende Umstand war vom Bildhauer gewiß nicht zur Erzielung einer bestimmten
optischen Wirkung beabsichtigt, sondern erklärt sich aus einem bei der Arbeit unterlaufenen Fehler 5 .
Der Stil des Kopfes, seine weit geöffneten, starr, geradeaus in die Ferne und etwas nach oben gerichteten
Augen berechtigen uns, seine Entstehung in die erste Hälfte des 4. Jahrhunderts n. Chr. zu setzen 6 , auf die uns auch
die Haartracht 7 weist. Die drei Elemente, aus denen sich die Frisur zusammensetzt (undulierte Stirnwellen, diadem
artige Kranzflechte, scheitelzopfartiges Nest am Hinterkopf), finden sich in genau dieser Form und Zusammen
stellung, soweit ich das veröffentlichte und mir zugängliche Material überblicke, weder auf einem Werke der Skulp
tur noch auf Münzbildern. Doch kommt eines oder mehrere der festgestellten Frisurelemente auf jedem von ihnen
vor. Am nächsten scheint unserem Kopfe der aus derselben Zeit stammende einer alten Frau in Kopenhagen 8 zu
stehen, der in der streng frontalen Stellung, der Augenbildung, den undulierten Stirnwellen, der diademartigen
Kranzflechte — hier statt einem Zopfe aus zwei gedrehten Wülsten bestehend — und wahrscheinlich auch dem
scheitelzopfartigen Haarneste am Hinterkopfe — wenigstens läßt sich sein Vorhandensein aus den hinter den
Ohren sichtbar werdenden Nackenflechten erschließen — übereinkommt. Eine nahe Verwandtschaft zeigen zwei
Köpfe derselben Zeit im Museo Torlonia in Rom 9 , namentlich in der Gesichts- und Augenbildung und allen wesent
lichen Teilen der Haartracht. Hierher gehören offenbar auch der Kopf im Campo Santo zu Pisa 10 , die Köpfe
einer jungen und einer älteren Frau in der Maison Carrée zu Ntmes 11 und vielleicht auch der einer alten Dame
3 Die gesonderte Bearbeitung und Anstückung der hinteren Haarpartie dürfte schon ursprünglich beabsichtigt gewesen
sein. Ob sie ähnliche Ursachen wie die abnehmbaren Perücken der syrischen Kaiserinnen aus dem Anfänge des 3. Jahrhunderts
n. Chr. hatten, ist nicht zu entscheiden. Vgl. Helbig-Reisch, Führer durch die Sammlungen klassischer Altertümer in Rom I,
3. Aufl., S. 454, Nr. 25, und Hekler in: Jahreshefte des österreichischen archäologischen Instituts XIX—XX, S. 243.
4 Der Eisenstift könnte auch dem Zwecke gedient haben, einen Metallschmuck (ein Diadem oder Haarnadeln) anzubringen.
Ähnliche Stifte beziehungsweise Stiftlöcher, und zwar in größerer Zahl, finden sich auf den Haarnestern von zwei weiblichen
Porträtköpfen der Wiener Sammlung: Inv.-Nr. I, 146 aus frühtrajanischer Zeit (abg. Sacken, Die antiken Skulpturen, Taf. XXIX,
und Schneider, Album der Antikensammlung, Taf. XV> 2) und 56 mit der Frisur der älteren Faustina, sowie auf den vorderen
Haarwellen eines Kopfes im Vatikan (Museo Chiaramonti 696; vgl. Amelung a. a. O. I, S. 786, Taf. 85) aus der Zeit um 117 n. Chr.
Plastisch ausgearbeitete Haarnadelknöpfe sieht man an dem Kopfe im Berliner Museum (Beschreibung der Skulpturen, Nr. 449)
aus der Wende des 3. und 4. Jahrhunderts n. Chr. Auf weiblichen Münzbildern aus dem Anfänge des 4. Jahrhunderts n. Chr.
kommen sie nicht selten vor, z. B. der heiligen Helena (Bernoulli, Römische Ikonographie II/3, Münztafel VIII, 1 = Maurice,
Numismatique Constantinienne I, pl. VIII, 7), der Theodora (Rivista italiana di numism. 1890, tav. IV, 18; Maurice a. a. O. II,
pl. XVI, 6). Zu erinnern ist auch an die Haarpfeile auf den weiblichen Mumienporträt-Tafelbildern aus dem Fajum (vgl. Edgar,
graeco-egyptian . . . porträts, Nr. 22253, 22263; Th. Graf, Katalog der Galerie antiker Porträts, Taf. 8, 12, 16).
5 Vgl. Delbrueck, Porträts byzantinischer Kaiserinnen in: Römische Mitteilungen 1913, S. 317.
6 Vgl. Riegl, Zur spätrömischen Porträtskulptur in: Strena Helbigiana, S. 255 ff.; Sybel, Christliche Antike II, S. 171 ff.;
Wulff (in F. Burgers Handbuch der Kunstwissenschaft), Altchristliche Kunst I, S. 156 ff. — Im Anhänge wäre hier zu erwähnen,
daß der von Riegl a. a. O. besprochene männliche Porträtkopf inzwischen in die Wiener Antikensammlung (lnv.-Nr. I, 1029)
gelangte. Seine Entstehungszeit dürfte im Gegensatz zu Riegl weit in das Mittelalter herabzurücken sein. Die nächsten Parallelen
sind die vier Büsten in Néris (abg. Espérandieu, Recueil génèral des Basreliefs etc. II, p. 381, Nr. 1575).
7 Vgl- Lady Evans in: Numism. Chronicle 1906, p. 59 ff.; Steininger s. v. »Haartracht« in Pauly-Wissowa, Realenzyklopädie
der klassischen Altertumswissenschaft VII, Sp. 2245; Delbrueck in: Römische Mitteilungen 1913, S. 327 f.; Maurice in: Numism.
Chronicle 1914, p. 314 ff.
8 Glyptothek Ny Carlsberg, Billedtavler 762 — im Katalog von 1907 fälschlich in die Mitte des 3. Jahrhunderts gesetzt.
9 Vgl. C. L. Visconti, Monumenti del Museo Torlonia, tav. 160, Nr. 614, 615; Bernoulli a. a. O. II/3, S. 203, 232.
10 Vgl. Dütschke, Antike Bildwerke in Oberitalien I, S. 63, Nr. 71, abg. Lasinio, Raccolta de’ Sarcofagi etc. del Campo-
santo di Pisa, tav. CVIII, N.
" Vgl. Arndt-Amelung, Einzelaufnahmen antiker Skulpturen, Nr. 1409 und 1413 = Espérandieu a. a. O. III, p. 444 f., Nr. 2708
und 2706; an beiden Stellen irrtümlich der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts zugeschrieben.
12