Der Adler-Cameo in Wien.
wie unseren Cameo, da ja der stilistische Befund durchaus damit übereifistimmt, in der Tat um so zuversicht
licher mit dieser Ehrung des Augustus in Zusammenhang bringen, als die corona civica von da ab ein
ständiges Abzeichen der kaiserlichen Würde blieb und •..damit ihre ursprüngliche Bedeutung gänzlich ein
büßte 71 . Wohl erscheinen Adler und Bürgerkrone noch häufig in den Denkmälern (auf Grabaltären, dem
Relief vom Trajansforum u. s. w. 72 ), aber niemals in solcher Isolierung auf so außerordentlich kostbarem
Material, wie denn die Kunst des Kameenschnittes und ihre Förderung, wenigstens soweit Steine solchen
Umfanges in Betracht kommen, stets eine im wahrsten Sinn autokratische Domäne blieb.
Und schließlich ist gerade die Wahl des Gegenstandes unseres Cameos geeignet, die hier vertretene
Datierung zu bekräftigen. Wenn wir die Geschichte des griechisch-römischen Kameenschnittes, soweit
dies der überlieferte Bestand ermöglicht, an seinen umfangreichsten Erzeugnissen verfolgen, so sehen wir,
daß sich zwischen zwei Perioden, in denen diese königliche Kunst vor allem dem Herrscherkulte diente 73 ,
der hellenistischen wie der späteren julisch-claudischen Kaiserzeit, eine solche einschiebt, in der die Ver
herrlichung bedeutsamer historischer Begebenheiten zum mindesten ebenbürtig neben jener der Haupt
akteure Gegenstand der Darstellung ist. Liegt dort das Hauptgewicht auf den Bildnissen vergöttlichter Herrscher
— einerseits in den beiden Ptolemäerkameen, anderseits in den zahlreichen Bildnissen der julisch-claudischen
Dynastie — so haben wir aus der Zeit der beiden konstitutionellen Herren des römischen Weltreiches,
Augustus und Tiberius, neben reinen Bildniskameen eine Reihe von solchen, denen eine bestimmt zu um
schreibende historische Begebenheit zugrunde liegt, ja es läßt sich hierin, so spärlich das Material ist, ganz
deutlich in Übereinstimmung mit der historischen Entwicklung die allmähliche Erhöhung der monarchischen
Gewalt aus der anfänglichen selbstgewählten Beschränkung des augusteischen Prinzipates erkennen, dies
immer unter den durch die Herkunft der Kameenkunst aus den orientalischen Despotien (Alexandria)
gegebenen Bedingtheiten. Setzt sich doch der Kaiserkult noch unter Augustus selbst in den Provinzen, besonders
des Ostens, viel rascher durch als im Stammland Italien 74 . Unter die historischen Kameen, die dieser kurzen
Periode der frühen Kaiserzeit angehören 75 , reiht sich als gegenständlich anspruchlosester, künsterisch vielleicht
bedeutendster der Wiener Adler-Cameo. In ihm verbinden sich der von den Ptolemäern übernommene Adler
als Sinnbild der von Augustus erlangten Machtfülle, der Eichenkranz als eine der vornehmsten Ehrungen
und der Palmzweig, Symbol des Sieges, zu einem eindrucksvollen Denkmal der Beendigung der Bürgerkriege.
71 Vgl. Steiner, a. a. O. S. 43; Altmann, a. a. O. S. 174-
72 Vgl. S. 7.
73 Von Kameen mythologischen und andern Inhalts wird hier natürlich abgesehen.
74 Gardthausen a. a. O. I, S. 466 ff.
75 Cameo auf den Seesieg von Actium, Wien: Arneth, Die antiken Kameen, Taf. XII, 2; Schneider, Album, Taf. XLIV, 2;
dazu Furtwängler, Die antiken Gemmen III, S. 31S nebst Anm. 4, wo übersehen ist, daß sämtliche Köpfe Ergänzungen der
Spätrenaissance sind, womit die Einwände gegen die Deutung der Hauptfigur auf Augustus hinfällig werden. Gemma Augustea,
auf einen der beiden Triumphe des Tiberius bezogen, zumeist auf den pannonischen, 12 n. Chr., vielleicht richtiger auf den
germanischen, 7 v. Chr. (Willers, Geschichte der römischen Kupferprägung, S. 176 ff; so auch Loewy); Pariser Cameo: Babeion,
Cat. 264, pl. XXVIII; Furtwängler, Die antiken Gemmen, Taf. 60. Hier schwankt weniger das Urteil über den Anlaß (19 n. Chr.),
als die Bestimmung der einzelnen Figuren; vgl. Bernoulli, Römische Ikonographie II, 1, S. 278; Gardthausen, a. a. O. II, S. 868 ff.
2 Jahrbuch N. F. I.
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