DER ADLER.CAMEO IN WIEN.
VON FRITZ EICHLER.
D ie Gemmensammlung des Wiener Kunsthistorischen Museums ragt nicht so sehr durch die Zahl als durch
die Qualität ihrer großen antiken Kameen hervor, eine Behauptung, für die wir uns auf ein französisches
Urteil berufen dürfen 1 . Wie der Wiener »Ptolemäer-Cameo« seinen obgleich vollständiger erhaltenen Gefährten
in Petersburg, den »Cameo Gonzaga 2 «, so überragt besonders die Gemma Augustea ihren größeren Rivalen
in Paris 3 . Die bemerkenswertesten der übrigen Kameen in Wien, Augustus und Roma, der Claudius in Hoch
relief, der Fruchthorncameo 4 , sind hinreichend bekannt und gewürdigt. Merkwürdigerweise — und das mag
an dem geringeren Interesse liegen, das seine Darstellung zu bieten scheint — hat ein Stück nicht die
Beachtung gefunden, die ihm nach seiner Größe, Erhaltung und Qualität zukommt, und ist bisher nur in
veralteten Stichen in Eckhels und Arneths Publikationen, in photographischer Wiedergabe jedoch noch nie
abgebildet worden. Zwar hat ihm der erste Herausgeber, Eckhel, »Choix des pierres gravées du Cabinet
impérial des antiques« (Wien 1788), hohes Lob gespendet, aber in dem Standardwerk über antike Glyptik,
in Furtwänglers »Antiken Gemmen« (1900), ist der Cameo im Zusammenhang mit einem sehr viel geringeren
in Berlin nur flüchtig erwähnt 5 .
Eine wahrhaft kaiserliche Cimelie, ein Prunkstück, das in seiner Gattung ganz vereinzelt dasteht; auch
das mag zu seinem unverdienten Übersehenwerden beigetragen haben. Über seine früheren Schicksale und
seine Herkunft ist vorläufig nichts bekannt; es ist zuerst in dem Inventar der kaiserlichen Schatzkammer
(ca. 1750) feststellbar 6 . In dem Inventar, das den Nachlaß des Kaisers Matthias enthält (1619) 7 , suchen wir es
vergebens. Jedoch führt die prächtige Fassung 8 weiter zurück, etwa in das dritte Viertel des 16. Jahrhunderts.
Sie besteht aus einer inneren goldenen, emaillierten, und aus einer äußeren silbernen Fassung, die vergoldet
und mit vier Medaillons geschmückt ist. Die innere bildet ein hohler Rundstab aus acht ineinandergesteckten,
durch Schrauben 9 verbundenen Stücken, von denen über den Rand des Cameos auf beiden Seiten schmale
Streifen übergreifen; diese sind an den leicht verstärkten Enden der einzelnen Abschnitte miteinander ver
zinkt. Der Rundstab ist mit einem grün und blau emaillierten Ornament verziert, das sich in flachem Relief
von dem gerauhten Grunde abhebt. Nach innen folgt auf ein schmales weiß emailliertes Band ein etwas
breiteres mit schwarzem Randornament und in gleichmäßigen Abständen verteilten durchsti ichenen 1 unkten
in grünem Email; der Grund ist fein gestrichelt und punktiert. Von diesem inneren Band legen sich an acht
unregelmäßig verteilten Stellen über den Eierstabrand des Steines grün emaillierte Blättchen und Rosetten,
von denen jedoch nur die zwei größeren dreiteiligen Blätter mit der Fassung fest verbunden sind und sich
auch an der Rückseite wiederholen, während die übrigen abgesondert und mittels durch den Stein gebohitei
Schrauben befestigt sind, deren Muttern an der Rückseite sichtbar werden. So kann hier leicht der Eindiuck
des Fragmentarischen entstehen; der geschilderte Zustand zeigt jedoch, daß diese Anordnung von vornherein
gegeben war 10 .
Die äußere Fassung bildet ein von rückwärts herausgetriebener, als Lorbeerkranz gestalteter Halbstab. Sie
ist durch Schrauben mit den vorhin erwähnten der inneren hassung verbunden. \ ier weitere Schrauben halten
1 Babeion, Catalogue des camées antiques et modernes de la Bibliothèque nationale, p. CLXXVHI.
2 Wien: Furtwängler, Die antiken Gemmen, Tat. 53, 1; Petersburg: a. a. O. Tat. 53, 2.
3 Wien: Fmdwängler, a. a. O. Tat. 56; Paris: a. a. O. Tat. 60.
4 Furtwängler, a. a. O. III, Fig. 158, 163, 164.
5 A. a. O. III, S. 327. — Literatur: Eckhel, Choix des pierres gravées, p. 20 ff., pl. III/IV; Arneth, Die antiken Kameen des
Münz- und Antiken-Kabinettes, S. 18, Tat. II/II1; Reinach, Pierres gravées, p. 4; dort weitere Literatur; ferner Middleton, The
engraved gems of classical times, p. 60, note r; Babeion, La gravure en pierres fines, p. 150 (belanglos).
6 Jahrbuch der kunsthist. Sammlungen X, S. CCLIX, Nr. 236: »Ein recht groszes rundes basrelief von onyx, woraut
ein schwarzbrauner einfacher Adler; den ranft formirt ein detofärbiger lobercranc und palmzweig, in gold und sdber
gefast in form eines rähmel, worauf vier kleine köpfl, als Julius Caesar, Augustus, Pallas et Roma, rukwerts erhobener der
köpf Tiberii.«
7 Jahrbuch der kunsthist. Sammlungen XX, S. XLIX ff, Nr. 17408.
8 Durchmesser 2Ö‘S cm.
9 Ein Schraubenkopf ist abgebrochen.
10 Vielleicht sollten diese Zierate Mängel im Stein verdecken.
I
I Jahrbuch N. F. I.