Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 1 (N.F.) (I=37)

BETRACHTUNGEN  ZUM  WERKE  DES  HIERONYMUS  BOSCH

VON  LUDWIG  BALDASS.

TT)ei  einem  Künstler  von  dem  Reichtum  der  Erfindung  und  der  Mannigfaltigkeit  der  Gestaltung  eines  Hieronymus ­
  Bosch  bedeutet  jedes  neuentdeckte  eigenhändige  Bild  nicht  nur  eine  willkommene  Vermehrung  seines
Werkes 1 ,  sondern  auch  eine  neue  Hoffnung,  dem  Rätsel  seines  Stils  und  seiner  künstlerischen  Auffassung  auf
die  Spur  zu  kommen.  \  on  der  kleinen  Zahl  von  Bildern,  die  in  letzter  Zeit  aufgetaucht  sind 2  und  dem  Meister
zugesclnieben  wurden,  können  allerdings  nur  drei  als  sicher  eigenhändig  bezeichnet  werden 3 .
Eine  Hochzeit  von  Kana  gelangte  durch  die  Firma  P.  Cassirer  in  holländischen  Privatbesitz  (Abb.  £3).
Die  verhältnismäßig  große,  über  einen  Meter  hohe,  leider  nicht  gut  erhaltene  Tafel 4  behandelt  ein  Thema,
das  in  der  nordischen  Kunst  des  15.  Jahrhunderts  nur  selten  vorkommt 5 .  Bosch  setzt  die  Handlung  so  sehr
in  die  Gegenwart,  daß  er  den  Anachronismus  wagt,  einen  Mönch  und  eine  Nonne,  deren  farbige  Kutten
freilich  keinem  wirklichen  Orden  entsprechen,  an  dem  Gastmahl  teilnehmen  zu  lassen.  Christus  als  Ehrengast
sitzt  isoliert  unter  einem  Baldachin.  Das  wunderbare  Ereignis  der  Verwandlung  von  Wasser  in  Wein  ruft
aber  kaum  ein  Echo  in  den  ernsten,  steifen  Mienen  der  Zuschauer  hervor.  Dafür  ist  der  Schilderung  breitester ­
  Raum  gelassen,  scheinbar  Nebensächliches  spielt  überall  hinein.  Ein  Satiriker  ist  hier  am  Werk,  der
menschliche  Schwächen  auf  den  Pranger  stellt.  Es  wird  ohne  weiteres  offenbar,  daß  die  beiden  Gäste  vorne
auf  der  Bank  einander  Böses  zuflüstern.  Neben  den  Satiriker  tritt  der  Diaboliker.  Phantastische  Züge  weisen
schon  einzelne  Kostüme  und  Geräte  auf.  Im  Hintergründe  aber  treiben  dann  noch  Teufel  und  Dämonen  ihr
höllisches  Spiel.  Eine  kapellenartige  Nische  schließt  den  Raum  ab,  von  deren  Wölbung  ein  rätselhafter  glockenartiger ­
  Schirm  herabhängt.  Auf  einem  mehrstufigen  Aufbau,  der  die  Mitte  zwischen  Büfett  und  Altar  einhalt,
  stehen  allerhand  Geräte.  Neben  verschiedenen  Kannen  sehen  wir  eine  Kröte  und  einen  langhalsigen
\  ogel,  zwei  tanzende  Dämonen  und  einen  Mönch,  der  auf  seinem  wagrecht  gebeugten  Rücken  die  von  einem
Kreuz  gekrönte  Weltkugel  trägt.  Bilderrätsel  scheinen  hier  zugrunde  zu  liegen,  ganz  in  der  Art,  wie  Bruegel
sie  in  seinem  Sprichwörterbild  von  1559  dem  Beschauer  vor  Augen  stellt.  In  der  Nische  vor  dem  Aufbau
aber  steht  eine  weißgekleidete  Gestalt  mit  einem  Stabe.  Sie  gleicht  einem  Zauberer,  der  den  ganzen  Spuk
hervorgerufen  hat.  Blicken  wir  nun  näher  auf  das  Bild,  so  zeigen  sich  die  unheimlichen  Elemente  auch  anderwärts. ­
  Die  Speisen,  die  Diener  herbeitragen,  ein  Wildschweinskopf  und  ein  Schwan,  tragen  den  Halbmond
wohl  das  Zeichen  des  Heidentums  überhaupt  —  und  feurige  Strahlen  zischen  ihnen  aus  Schnauze  und
Schnabel.  (ianz  ungeschminkt  tritt  uns  das  diabolische  Element  in  den  Figürchen  über  den  Säulenkapitellen
der  Nische  entgegen.  Links  steht  ein  froschartiger  Teufel,  der  mit  Bogen  und  Pfeil  auf  sein  Gegenüber  zielt,
das  fluchtartig  seinen  Platz  verläßt  und  in  dem  darunter  angebrachten  Mauerloch  verschwindet.
Die  Schilderung  von  der  Schlechtigkeit  der  Welt,  die  vielen  diabolischen  Züge  gehören  nicht  zum
biblischen  1  hema,  sie  sind  auch  nicht  benützt,  um  einen  dramatischen  Gegensatz  zur  göttlichen  Erscheinung
Christi,  die  keineswegs  besonders  betont  wird,  zu  erzielen.  Eine  geheime  Absicht  ist  hier  verfolgt,  die  nur
nicht  mehr  erkennbai  ist.  Soviel  wird  klar,  daß  für  Bosch  die  ganze  Welt  angefüllt  ist  von  bösen,  ja  von
teuflischen  Elementen,  die  selbst  vor  der  Nähe  der  Himmlischen  nicht  zurückschrecken.  Was  also  anfangs
eine  Schilderung  zu  sein  scheint,  gewinnt  bei  näherer  Betrachtung  eine  viel  tiefere,  unheimliche  Bedeutung.

1  Abbildungen  fast  sämtlicher  bekannter  Werke  des  Meisters  finden  sich  in  den  drei  kompilatorischen  Monographien  über
den  Künstler  von  Lafond  (Brüssel  1913),  Schürmeyer  (München  1923)  und  Pfister  (Potsdam  o.  J.).
2  Vgl.  meine  Kritik  der  Bücher  von  Schürmeyer  und  Pfister  in  den  Mitteilungen  der  Gesellschaft  für  vervielfältigende
Kunst,  Wien  1923,  S.  33,  und  den  Aufsatz  von  Pfister  im  Belvedere,  IV,  Wien  1923,  S.  73  f.
Von  einer  sehr  interessanten  Versuchung  des  heiligen  Antonius  im  Amsterdamer  Kunsthandel  ist  mir  nach  Niederschrift ­
  dieses  Aufsatzes  eine  ungenügende  Photographie  zugekommen,  die  mir  nicht  erlaubt,  ein  sicheres  Urteil  über  das  sehr
originell  komponierte  Bild  abzugeben.  Die  Komposition  mit  der  winzig  gebildeten  Hauptfigur  ist  nahe  verwandt  der  Rückseite
dei  Tafel  in  Valenciennes,  den  heiligen  Jakobus  mit  dem  Magier  darstellend,  über  deren  Eigenhändigkeit  ich  infolge  mangelnder
Autopsie  mir  gleichfalls  kein  Urteil  gestatten  kann.  Friedländer  (Von  Eyck  bis  Bruegel,  2.  Auf!.,  Berlin  1921,  S.  192)  hat  die
Valencienner  Tafel  in  die  Liste  der  Gemälde  des  Hieronymus  Bosch  aufgenommen.
4  Die  beiden  oberen  Ecken  sind  ausgesägt,  die  Hunde  links  unten  anscheinend  spätere  Zutat.
5  Als  nächste  Parallelen  nenne  ich  Gérard  Davids  Gemälde  im  Louvre  und  die  Tafel  vom  Meister  des  Bartholomäus-Altares
  in  der  Brüsseler  Galerie.

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