Full text : Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien, Band 1 (N.F.) (I=37)

Abb.  39.  Jan  van  Grevenbroeck,  Grabmal  des  Orsato  Giustiniani.  Venedig,  Museo  Civico  Correr.

DAS  GRABDENKMAL  DES  ORSATO  GIUSTINIANI.
EIN  BEITRAG  ZUR  GESCHICHTE  DER  VENEZIANISCHEN  SKULPTUR  IM  QUATTROCENTO.
VON  LEO  PLANISCIG.
Tm  Aufträge  des  Nobiluomo  Pietro  Gradenigo  vollendete  um  das  Jahr  1754  ein  in  Venedig  ansässiger  hollän--L
  discher  Maler,  Jan  van  Grevenbroeck,  eine  ymfangreiche  Serie  von  Aquarellzeichnungen  nach  berühmten
venezianischen  Monumenten,  die,  in  drei  Foliobänden  vereinigt,  das  Museo  Civico  Correr  zu  Venedig  bewahrt.
Grevenbroeck  war  kein  Künstler;  seine  Zeichnungen  erwecken  den  Eindruck,  als  sei  er  Dilettant  gewesen,
dem  Gelehrsamkeit  wichtiger  war  als  Kunst.  Den  unmittelbaren  Zweck  seiner  Aquarelle  nach  Grabmonumenten,
denen  Zeichnungen  nach  Kult-  und  Gebrauchsgegenständen  (Varie  venete  curiositâ  sacre  e  profane)  und  nach
venezianischen  Brunnenmündungen  (Vere  da  pozzo)  folgten,  kennen  wir  nicht.  Wahrscheinlich  schwebte  ihm
oder  seinem  adeligen  Gönner  Gradenigo  die  Veröffentlichung  all  dieser  Antichitâ  vor,  ein  Plan,  der  für  das
immer  auf  die  eigene  Geschichte  bedachte  Venedig  bezeichnend  ist.  Es  waren  sicher  nicht  rein  künstlerische
Interessen,  die  Grevenbtoeck  bei  dieser  Sammlung  leiteten:  antiquarische,  historische  Tendenzen  mögen  den
Ausschlag  gegeben  haben,  vor  allem  aber  der  Gedanke,  daß  die  ruhmreiche  Vergangenheit  einen  Abglanz
wette  auf  die  noch  lebenden  Adelsgeschlechter.  Mit  Mühe  und  Fleiß  brachte  Grevenbroeck  alles  zusammen,
was  ihm  wert  erschien,  der  Nachwelt  überliefert  zu  werden.  Die  Erläuterungen,  die  er  seinen  Zeichnungen
fast  durchwegs  beifügte,  zeigen,  daß  er  der  venezianischen  Guidenliteratur  kundig  war  und  daß  er  sie  mit
einem  gewissen  System  zu  benützen  verstand.  Beim  Anblick  dieser  vielen  mit  brauner  Farbe  lavierten  Zeichnungen ­
  können  wir  uns  nicht  des  Gefühles  erwehren,  Grevenbroeck  habe  eine  Vorahnung  des  Schicksales
gehabt,  dem  ein  großer  Teil  der  von  ihm  nachgebildeten  Werke  entgegenging.  Die  Macht  der  Republik  war
im  Sinken,  im  Westen  bereitete  sich  ihr  und  Ituropas  Schicksal  vor  und  die  Jahre,  die  der  »Befreiung«  durch

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