Full text : Der Wiener Salvator Mundi : Tizians "Christus mit der Weltkugel" in neuem Licht (25)

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Das Wiener Gemälde im Vergleich mit anderen
 Christusdarstellungen Tizians

Unser Christus präsentiert sich als Halbfigur vor dunklem Hintergrund. Es ist
nicht klar zu erkennen, ob er steht oder sitzt. Die traditionelle Salvator Mundi-Ikonographie
 zeigt ihn

stehend9

‒ so auch Tizian in seiner Salvator Mundi-Darstellung
 in St. Petersburg

(Abb.

2). Das Haupt des Wiener Christus umgibt ein
angedeuteter Kreuznimbus. Sein Kopf und   Körper sind leicht nach links gewandt,
sein Blick nach rechts. Er trägt ein rotes Gewand, das im Schulterbereich ein
goldenes Band mit einer hebräischen Inschrift aufweist. Ein blauer Mantel fällt
von seiner linken Schulter auf seinen rechten Unterarm herab. Seine ausgestreckte
 Rechte ruht auf einer transparenten Kugel, die, da vom unteren Bildrand
 angeschnitten, nur mit der oberen Hälfte zu sehen ist. Auf ihr spiegelt sich ein
( zweiteiliger) Lichtreflex, vergleichbar einem einfachen Fenstermotiv.

Tizian hat diesen Christustypus, der mit seinen zarten, jungen Gesichtszügen
und dem melancholischen, zur Seite gerichteten Blick lyrischen Männerporträts
der Zeit nahesteht, früh, bereits im Zinsgroschen (Dresden, Gemäldegalerie Alter
Meister; Abb. 4), entstanden um 1516, entwickelt. Immer wieder kehrt er zu ihm
zurück. Beispielsweise in Christus und die Ehebrecherin (Wien, Kunsthistorisches
 Museum; Abb. 5), das um 1520 entstanden sein

könnte,10

im Christus in
Halbfigur aus Florenz (Palazzo Pitti; Abb. 6), 1534 für Francesco Maria della Rovere,
 Herzog von Urbino, vollendet, im Christus in Emmaus (Paris, Louvre), um
1535, und in weiteren Salvator Mundi-Darstellungen, die im Zusammenhang mit
dem Wiener Christus diskutiert

werden11:

dem bereits erwähnten in St. Petersburg,
 einem Spätwerk der sechziger bzw. siebziger

Jahre12

und einem jüngst wiederentdeckten
 Christus mit der Weltkugel in einer englischen Privatsammlung
(ehemals Sammlung Lord Darnley; Abb. 7). Dessen Zuschreibung ist aufgrund
des Zustandes umstritten; er wird um 1535

datiert.13

Abb. 4
Tizian, Zinsgroschen,
1516, Öl auf Holz,
75 × 56 cm. Dresden,
Gemäldegalerie, Staatliche Kunstsammlungen
            
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