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Bisher wurde in der Forschung in Anlehnung an die Christusdarstellungen in
Florenz und Paris eine Datierung um 1530 favorisiert. Doch auch eine frühere
Datierung ab den 1520er Jahren ist
vorstellbar.87
Die Bildgenese spricht nicht dagegen,
und der einzige von Tizian überlieferte Salvator Mundi mit Inschrift bezöge
sich damit auf die bereits vorhandenen kabbalistischen Strömungen in
Venedig.
Und die Zuschreibung? Der Vorschlag von Paul Joannides, unseren Christus
als »fully autograph« zu betrachten, ist verführerisch. Auch das auf einen Auftraggeber
zugeschnittene Bildkonzept spricht für die Bildidee des Meisters. Sowohl
die Arbeitsweise – mit minimalem Aufwand »ökonomisch« sein Ziel zu erreichen
– als auch der maltechnische Aufbau des Gemäldes stützen die
Zuschreibung an Tizian, wie die Ausführungen von Elke Oberthaler gezeigt haben.
Bei sorgfältiger Untersuchung der Details kommt die individuelle Handschrift
des Meisters immer deutlicher zum Vorschein ‒ trotz der starken Verpressung
des Bildes und der daraus resultierenden Verflachung einzelner Bereiche.
Der Bedarf nach einem restaurativen Eingriff wird immer größer, um die originale
Malerei besser lesbar zu machen und letzte Klarheit hinsichtlich der Frage der
Zuschreibung zu bringen. Danach wird das Kunsthistorische Museum hoffentlich
im Christus mit der Weltkugel ein neues eigenhändiges Bild Tizians zelebrieren
können. Diesem Ziel gilt die hier präsentierte Ansichtssache #25 – einer Wiederzuschreibung
des Wiener Salvator Mundi.
1 Öl auf Leinwand, 82,5 × 60,5 cm, Inv.-Nr. GG 85, Wien, Kunsthistorisches Museum.
2 Das vom FWF (Fonds für wissenschaftliche Forschung, Projektnr. P 19032 und P 1581) unterstützte
Forschungsprojekt wurde von Sylvia Ferino-Pagden geleitet. Teil des Teams waren Elke
Oberthaler, Martina Griesser, Robert Wald, Natalia Gustavson, Christina Schaaf-Fundneider
und Wencke Deiters.
3 Eduard Ritter von Engerth, Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses.
Gemälde. Beschreibendes Verzeichnis, I. Band, Italienische, Spanische und Französische Schulen,
Wien 1881, 344, Nr. 493.
4 Christian von Mechel, Verzeichniß der Gemälde der K.K. Bilder Gallerie in Wien, verfasst von
Christian von Mechel der Kaiserl. Königl. und anderer Akademien Mitglied nach der von ihm
auf Allerhöchsten Befehl im Jahre 1781 gemachten neuen Einrichtung, Wien 1783, 17, Nr. 3;
Albrecht Krafft, Historisch-Kritischer Catalog der K.K. Gemälde Gallerie im Belvedere zu
Wien, Wien 1854, I, 32, Nr. 4.
5 Vgl. Lexikon der christlichen Ikonographie (LCI), Rom & Freiburg & Basel & Wien 1972, Bd. 4,
Art. Segen, Sp. 145f (L. Poeschke).
6 Gertrud Schiller, Ikonographie der christlichen Kunst, 1966, Bd. III, 248.
7 Harold E. Wethey, The paintings of Titian. The religious paintings, Bd. 1, London 1969, 77f., Kat.
18 mit Hinweisen auf weitere Versionen u.a. in Venedig. In den 1530er Jahren sandte Tizian Federico
Gonzaga, dem Herzog von Mantua, ein Christusbild, das verschollen ist und möglicherweise
einen Prototyp für weitere Varianten gebildet haben könnte. Vgl. zuletzt Paul Joannides,‘la
faccia bella, dolce et delicata tanto quanto la saprete fare’: Titian’s paintings of the »Salvator
Mundi« and »Temptation of Christ« and their patrons, in: Colnaghi Studies Journal 4, 2019, 82–
95, hier: 83f.
8 Da die Kugel durchscheinend ist, vergleichbar der Kugel bei dem Leonardo und seiner Werkstatt
zugeschriebenen Salvator Mundi (Abb. 19), dürfte es sich um hohles Glas und nicht Kristall
handeln. Siehe hierzu auch die physikalischen Untersuchungen, auf die Zöllner (2021) verweist:
Frank Zöllner, Leonardo da Vinci’s Salvator Mundi, its pictorial tradition and its context as a
devotional image, in: Artibus et historiae 42, Nr. 83 (2021), 53–84, hier: 61.