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Joannides kann sich vorstellen, dass der Wiener Christus und die Salvator Mundi-Darstellung
in der englischen Privatsammlung (ehemals Sammlung Lord
Darnley; Abb. 7) mit jenen Christusdarstellungen zu identifizieren sind, die für
den Herzog Federico Gonzaga entstanden sind. Es ist nicht bekannt, wie sie
aussahen. Doch den Korrespondenzen ist zu entnehmen, dass die zweite Version,
die der Herzog 1535 bei Tizian bestellte, der Ersten ähneln sollte. Federico wollte
sie anlässlich seines geplanten Besuches beim Kaiser mitnehmen. Der in sich
gekehrte Typus, wie ihn der Wiener Christus repräsentiert, hätte dem Kaiser gefallen
können, so Joannides, wobei es, so der Autor, zu diesem Zeitpunkt eine
Hypothese bleibe, da beide Darstellungen erst im 17. bzw. 18. Jahrhundert sicher
nachgewiesen
seien.82
Die Idee ist reizvoll, und auch der Hof in Mantua war gegenüber
der kabbalistischen Lehre aufgeschlossen. Doch ist fraglich, ob für das
Wiener Christusbild Federico Gonzaga tatsächlich als Auftraggeber in Frage
kommen könnte. In seinen Briefen an Tizian nimmt er auf die Inschrift, die den
Wiener Christus auszeichnet und auf eine kabbalistisch beeinflusste christliche
Glaubenshaltung hindeutet, keinen
Bezug.83
Tizian als Alleinautor
Tizian hat, wie wir gesehen haben, seinen Christustypus früh, bereits im Christus
des Zinsgroschen (um 1516), entwickelt. Die halbfigurige Einzelfigur lässt
sich mit anderen in den zwanziger und dreißiger Jahren entstandenen Darstellungen
vergleichen. Mit seinen abgerundeten Gewandfalten, die das rote Gewand
des Wiener Christus charakterisieren, steht er dem Christus in Halbfigur
in Florenz (Palazzo Pitti; Abb. 6) nahe. Monumentalität und Ruhe erinnern an
die Christusdarstellungen in Christus und die Ehebrecherin (Wien, Kunsthistorisches
Museum; Abb. 5), möglicherweise entstanden um 1520, und den Christus
in Emmaus (Paris, Louvre), um 1535. Der majestätische Eindruck wird durch
den Faltenwurf des roten Gewandes unterstützt. Vergleichbar antiken
Priesterstatuen,84
fällt es in einfachen, schlichten Faltenbögen – eine Formel,
die in Tizians Christusdarstellungen immer
wiederkehrt.85
Die zarten, fein modellierten
Gesichtszüge und Hände sowie die durchscheinende Kugel mit den
pastos aufgesetzten Lichtreflexen sind von einer Qualität, die in der Ausführung
für die Hand Tizians sprechen. Sie lassen die schwächeren Partien wie die
vergleichsweise flacher wirkende Fältelung im Bereich des blauen Umhangs
fast vergessen. Andererseits wurde dafür das kostbare Lapislazuli verwendet.
Ist es vorstellbar, dass Tizian die Verarbeitung dieses teuren Pigments einem
Assistenten überlassen
hätte?86
In seinen späten Jahren kehrt Tizian in der Version in der Eremitage
(Abb.
2)
zum Wiener Christus mit Weltkugel zurück – den zur Seite gewendeten Blick,
die Art des Lichtreflexes auf der Kugel und den Verlauf der Faltenstege im
Brustbereich des roten Gewandes greift er auf. Der Wiener Christus könnte den
Prototyp gebildet haben.