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Die Inschrift und der Kreis von möglichen Auftraggebern
2003 untersuchte Francesco Saracino das Tetragramm bei Jacopo
deʼ
Barbaris
Christusdarstellung in Dresden (Gemäldegalerie, Alte Meister) und interpretierte
in diesem Kontext auch die Inschrift unseres Gemäldes mit den vier Buchstaben
(Waw ו, Schin ש, Jod י, Alef א; Abb.
22).72
Sie kann, Saracino zufolge, auf zwei
Weisen gelesen werden. Einerseits übersetzte er drei der Buchstaben
איש()
mit
»Mensch« und den vierten
ו()
mit der Konjunktion »und«. Davon ausgehend,
ergänzte er die Inschrift um das Wort »Gott« auf der Rückenseite des Gewandes.
In der Inschrift »Mensch und Gott« erkennt Saracino eine Anspielung auf die
Doppelnatur Christi – ein Aspekt, auf den Tizian auch durch die Farbensymbolik
seines Gewandes anspielt. Saracino zieht eine Verbindung zur Idee von Jesus als
Gottmenschen (»theanthropos«) des Johannes Reuchlin
(1455‒1522).73
Der deutsche
Humanist und Hebraist christlichen Glaubens sah Hebräisch als Sprache
Gottes und befasste sich mit der jüdischen Geheimlehre – der Kabbala. Er und
andere Gelehrte seiner Zeit sahen sich als aufgeklärte Christen und im Judentum
eine Grundlage des Christentums in einer vom Antijudaismus geprägten Zeit.
In seinem kabbalistischen Werk De verbo mirifico (1494) (Vom wundertätigen
Wort) »verknüpft« Reuchlin »die Zwei-Naturen-Lehre der Christologie mit kabbalistischer
Schrift- und
Buchstabeninterpretation.«74
1517 erschien seine zweite
bedeutende Schrift über Die Kunst der Kabbalistik
(De
arte Cabbalistica). Es ist
in dieser Zeit eines der grundlegendsten christlichen Werke über das Judentum.
Sein Anliegen ist eine Harmonisierung der Kabbala mit den Ideen des Christentums.75
Die Schrift ist Papst Leo X. gewidmet. Auch das zeigt: Reuchlin war mit
den geistigen Größen bekannt. Mit den europäischen Gelehrtenkreisen stand er
in Kontakt (darunter in Florenz und Venedig), so mit dem italienischen Gelehrten
Giovanni Pico della Mirandola (1463–1494), den Reuchlin in Italien getroffen
hatte. Mirandola, der sich ebenfalls als Nichtjude intensiv mit der Gedankenwelt
der Kabbala auseinandergesetzt hatte, hatte Reuchlin beim Verfassen seiner kabbalistischen
Lehre beeinflusst.
Zu Mirandola führt auch die zweite Lesart der Inschrift auf dem Mantel des
Wiener Christus, denn, so Saracino, der weite Abstand zwischen dem ersten
Buchstaben Alef
א()
und den drei Buchstaben
ישו()
der hebräischen Form des
Namens »Jesu« wurde in dieser Form auch von Mirandola in einer seiner 900
Thesen
(Conclusiones,
1486) verwendet. Mit diesen führte der christliche Gelehrte
sämtliche philosophische und religiöse Lehren im Christentum
zusammen.76
In Kombination mit dem ersten Buchstaben (»Alef«) – der zugleich der erste im
hebräischen Alphabet ist – sieht Saracino in der Inschrift des Wiener Christusbildes
darüber hinaus eine Verbindung zu der 1525 in Venedig erschienenen Schrift
De harmonia mundi des Franziskanermönchs Francesco Zorzi (Francesco Giorgio
Veneto, 1466–1540). Zorzi, der zusammen mit Mirandola studiert hatte, hatte
Kontakt zu jüdischen Gelehrtenkreisen und zu zum Katholizismus konvertierten
Juden. Er gilt als einer der führenden Intellektuellen Venedigs im frühen 16. Jahrhundert.
Der Geistliche erkannte in der Kabbala eine Bestätigung der