10
Die Geschichte des Salvator Mundi in den kaiserlichen
Sammlungen und in der Literatur
In den Sammlungskatalogen finden sich Hinweise, dass das Gemälde sich zu
Beginn des 18. Jahrhunderts im Besitz der geistlichen Schatzkammer des Kaiserhauses
befunden
habe:15
Sie verweisen auf ein handschriftliches Verzeichnis von
1730
(?)16
»deren Gemählen, so in Ihro Mayt. Geistl. Schatz-Camern auszubessern«,
in dem unter Nr. 22 »St. Salvator, Bruststück von Ditian.«
aufscheint.17
Der
Hinweis »ausbessern« lässt vermuten, dass für die dort angeführten Werke aufgrund
des Zustandes eine Restaurierung vorgesehen war. Die Angaben in diesem
Verzeichnis sind knapp. Maße und Bildträger fehlen, um unseren Christus mit
Sicherheit identifizieren zu können.
Zwischen 1747 und 1780 wurden neunmal Gemälde von der Schatzkammer in
die Galerie
transferiert.18
Es ist gut möglich, dass unser Werk auf diesem Weg in
die Gemäldegalerie gelangte.
Erstmals sicher in der kaiserlichen Sammlung nachgewiesen ist das Gemälde
bei Christian von Mechel
(1783).19
Der Baseler Verleger und Kupferstecher wurde
1779 von Joseph II. mit der Neuaufstellung der kaiserlichen Gemäldegalerie im
Belvedere beauftragt. Zum ersten Mal werden Gemälde in Europa nach Künstlern
und Schulen und damit kunsthistorischen Kriterien
geordnet.20
Es ist die
»Geburtsstunde der Galerie als öffentliche
Sammlung«.21
Erstmals ist unser Gemälde
zusammen mit anderen Werken Tizians allgemein zugänglich. In seinem
Katalog (1783) schreibt Mechel unseren »Salvator Mundi mit der Weltkugel in der
Hand« Tizian
zu.22
Auch Albrecht Krafft (1854), Sohn des damaligen Belvederedirektors und Verfasser
des ersten »historisch-kritischen Kataloges« der Gemäldegalerie bleibt bei
der
Zuschreibung.23
Es sind Crowe und Cavalcaselle (1877), die diese zum ersten
Mal hinterfragen und das Gemälde in die Nähe von Padovanino
rücken.24
Padovanino,
eigentlich Alessandro Varotari (1588 – 1649), bezieht sich vor allem in
seinem Frühwerk auf Tizian. Das Autorenduo verortet den Wiener Christus damit
in der Nachfolge Tizians und zeitlich im venezianischen Frühbarock.
In den Sammlungskatalogen wie auch der Kunstwissenschaft wird vorerst
an Tizian festgehalten: So auch von Eduard von Engerth, seit 1871 Direktor der
kaiserlichen Gemäldegalerie. Er gibt den ersten Gesamtkatalog (1881) nach
kunsthistorischen Kriterien
heraus.25
Zugleich bereitet er den Umzug der Sammlung
vom Belvedere in das Haus am Ring, das heutige Kunsthistorische Museum,
vor. Unser Christus bleibt fester Bestandteil der Präsentation, die in der
Tradition des 19. Jahrhunderts das »kunsthistorische, entwicklungsgeschichtliche
Prinzip«26
verfolgt. Mit den in mehreren Reihen gehängten Gemälden ist
eine »enzyklopädische Gesamtschau« intendiert
(Abb.
8).27
Die historische
Saalansicht zeigt einen Ausschnitt von der Hängung der Längswand (Saal II,
heute Saal VI) unter der Direktion von August Schaeffer (1892‒1910), dem
Nachfolger Engerths. Christus mit der Weltkugel ist umgeben von weiteren
Werken des Meisters – der beschriftete Rahmen weist ihn als Werk Tizians aus.