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Seitenwechsel
Zu den sprichwörtlich unbekannten Seiten zahlreicher auf Holztafeln gemalter
Porträts gehören Darstellungen, die sie auf den Rückseiten tragen. Nur ausnahmsweise,
wie im Falle von Dürers 1507 datiertem Brustbild eines jungen
Mannes, können heutige Besucher des KHM auch das sehen, was ihnen sonst
allein schon durch die übliche Hängung der Werke an Wänden verborgen bleiben
muss. Freilich lässt sich nicht jede bemalte Rückseite jener grinsenden Alten mit
Geldsack an die Seite stellen, die man beim Umschreiten des frei in einer Vitrine
aufgestellten Porträts als eines der sicher rätselhaftesten Malwerke Dürers
entdeckt. Vielmehr finden wir hier häufig künstlerisch weniger anspruchsvoll
gestaltete Wappenbilder oder, was schon seltener vorkommt, Darstellungen
allegorischen bzw. mythologischen Inhalts. Zu letzteren zählt auch die Landschaft
mit einer liegenden nackten Frau, einem Satyr und Amor, die in Form eines
gemalten Medaillons die Rückseite des aus dem 16. Jahrhundert stammenden
Bildnisses eines Goldschmiedes schmückt, dem sich diese Ansichtssache widmet
(Abb. 1 u. 2). Die kürzlich erfolgte Restaurierung dieses qualitätvollen, doch lange
im Depot aufbewahrten Porträts hat auch diese lange Zeit vernachlässigte, stark
beschädigte mythologische Szene wieder in einen präsentablen Zustand gebracht,
so dass sie – vielleicht das erste Mal überhaupt – öffentlich gezeigt werden
kann. Diese und andere künstlerisch gestalteten Rückseiten werfen freilich
immer die Frage nach dem zugedachten Ort bzw. dem Bestimmungszweck der
Bildnisse auf: Denn die heute zumeist verborgenen Darstellungen waren ja ebenfalls
dazu bestimmt, betrachtet zu werden. Im Folgenden versuchen wir nicht nur
zu klären, wie sich das auf einer recht großen Holztafel von heute noch
79,4 × 75,3 cm gemalte Porträt ursprünglich präsentierte, sondern natürlich auch,
wer es schuf und wer der Dargestellte ist.
Auf den Spuren eines Goldschmieds
Die prächtige teilvergoldete Silberkanne, die der rotbärtige Mann dem Betrachter
stolz vorweist, lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass wir einen
Goldschmied vor uns haben. Glücklicherweise verrät uns die zweizeilige lateinische
Inschrift den Namen und das Alter des Dargestellten. Zwar dürften die
seltsam gequetscht zwischen Kopf und (beschnittenem) rechtem Bildrand sitzenden
Zeilen kaum original erhalten sein, worauf insbesondere einige Fehler
bzw. Sinnentstellungen hinweisen – sie haben sich wahrscheinlich eingeschlichen,
als ein des Latein Unkundiger die beiden Hexameter entweder vom originalen
Rahmen oder vom oberen Bildrand übertrug, vielleicht erst als das Bild
Ansichtssache #19
Guido Messling