15
Ein Niederländer in Augsburg
Unser GoldschmiedePorträt lässt sich erstmals 1685 im Inventar der Prager Burggalerie
nachweisen, wo es unter der Nr. 319 als »Contrafect eines Mans mit einer
silbernen Kandl in der Handt.« beschrieben und als Original des Augsburger
Malers Christoph Amberger (um 1500/05–1562) geführt
wird.24
Nahezu wortgleich
erwähnen noch die Prager Inventare von 1718 und 1737 das
Werk.25
Nach
Wien könnte es Jahrzehnte später auf Initiative des Kupferstechers Christian von
Mechel gelangt sein, den Kaiser Joseph II. 1779 mit der Aufgabe betraut hatte, die
gerade erst von Galeriedirektor Josef Rosa in das Obere Belvedere übersiedelte
kaiserliche Galerie neu zu ordnen. Um etwa die chronologische Entwicklung der
deutschen und niederländischen Malerei breiter vorzustellen, begann Mechel
noch im selben Jahr nach passenden Gemälden in verschiedenen habsburgischen
Residenzen Österreichs und Böhmens zu
suchen.26
Mechel ordnete das Bild in
seinem 1783 publizierten Verzeichnis der neu geordneten Sammlung jedoch nicht
mehr als Amberger ein, sondern integrierte es in die Präsentation der frühen
niederländischen
Malerei.27
Hier nun kommt erstmalig ein zweites Bildnis ins
Spiel, das vom selben Künstler stammen dürfte (Abb.
6).28
Dieses heute durch
Bereibungen und stark verfärbte Retuschen in seiner Wirkung freilich stark beeinträchtigte
Werk lässt sich erstmals 1721/22 in der Wiener Stallburg greifen, und
zwar bereits mit der Zuschreibung an »Borbos«
(Pourbus).29
Es zeigt die Halbfigur
eines bärtigen Mannes, der an einem Tisch steht. Soeben hat er einen dort
liegenden Brief mit den Worten »Dem Ersamen Weysen Herrn N. meinen guetten
fraindt« beschriftet, während er sich mit seiner Linken auf ein hochkant gestelltes
Buch stützt. Diese betont inszenierten Bildelemente legen nahe, dass wir
einen Gelehrten vor uns haben, während der geraffte Vorhang im Bildhintergrund
noch ein nobilitierendes Element hinzufügt. Mechel dürfte dieses Bildnis
kaum zufällig als Pendant zu unserem Goldschmiedeporträt ausgewählt haben,
wobei vielleicht erst zu diesem Zweck die Maße beider angeglichen
wurden.30
Trotz der von ihm sicher bemerkten engen Verbindungen teilte er die Bildnisse
jedoch noch auf zwei Hände auf: Das des Gelehrten schrieb er Pieter Pourbus d.J.
zu, das des Marquart einem Pieter Pourbus d.Ä., der als dessen Vater galt. In der
Folge jedoch erwies sich die Existenz eines älteren Pieter Pourbus als Konstrukt
der Forschung, so dass auch unsere beiden Bildnisse seit dem Katalog von 1884
einmütig als Arbeiten des aus Gouda gebürtigen Pieter Pourbus (1523–1584), der
zunächst noch den dann wegfallenden Beinamen d.J. trug, galten. Unter diesem
Namen laufen sie auch noch im Führer von 1906, der aufgrund der Holzarten
jedoch erstmalig eine oberdeutsche Herkunft der Bilder in Betracht zieht (die
zitierte deutsche Inschrift auf dem Gelehrtenbildnis dagegen blieb zu diesem
Zeitpunkt noch
unberücksichtigt).31
Zu dieser Zeit hingen beide Gemälde noch in
der Schausammlung der kaiserlichen Galerie, die seit 1891 im Museumsneubau
am Ring zu sehen war. Unter Gustav Glück, der seit 1911 als Galeriedirektor
fungierte, wurden sie dann zu einem unbekannten Zeitpunkt, aber sicher vor
1922 in die Depots verbracht. Ob sie zu jenen Gemälden zählten, die Glück