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Ansichtssachen
Verglichen mit anderen femmes fatales besitzt die Figur der Judith eine besondere
Färbung: Im Gegensatz zu antiken Mythen (Delila, Lilith, Sphinx und Medusa),
den Zauberinnen der Romantik oder moderneren Rollenbildern skandalumwitterter
Diven ist Judith positiv besetzt. Sie handelt mit Gott, ihre Bluttat dient der
Vernichtung des Bösen. Kaltblütigkeit und Brutalität, mit der sie zu Werke schreitet,
mischen sich mit Furcht und Heldenmut. Als Schönheit, Stärke und Intelligenz
verkörpernde Idealfigur erfreut sie sich ungebrochener Beliebtheit. Dies
zeigt sich nicht nur in der Vielzahl ideologischer und politischer Interpretationen
ihres Tuns, sondern auch in der bis heute häufigen Wahl dieses Vornamens.
Eine berühmte Judith-Darstellung der Renaissance liefert Lucas Cranach: ein
junges, elegant gekleidetes Mädchen präsentiert das noch blutende Haupt des
Holofernes. In der anderen Hand hält sie das blanke Schwert. Dem steht ein Gemälde
von Joseph Heintz d.Ä. gegenüber: Für sein Bild der Salome, der dämonischen
Tochter der Herodias also, welche die Enthauptung Johannis des Täufers
verlangte, hat Heintz Cranachs Gemälde zum Vorbild genommen. Demnach erscheint
Salome in identischer Pose und Kleidung wie Cranachs Judith. Nur das
Schwert, das bei Salome natürlich fehlt, erlaubt die eindeutige Unterscheidung
beider Figuren. Warum kommt es zu dieser seltsamen Verschmelzung? Diesen
und anderen spannenden Fragestellungen geht Alice Hoppe-Harnoncourt, wissenschaftliche
Mitarbeiterin der Gemäldegalerie, mit dieser Ausgabe der
Ansichtssachen nach. Georg Prast, Restaurator der Galerie, hat Cranachs Gemälde
einer umfangreichen Restaurierung unterzogen, deren Dokumentation Katalog
und Ausstellung bereichern.
Beiden Autoren sei herzlich gedankt – ebenso wie den übrigen Kolleginnen
und Kollegen des Kunsthistorischen Museums, die zur Realisierung dieser 15. Edition
unserer kleinen Ausstellungsreihe beigetragen haben.
Stefan Weppelmann
Direktor der Gemäldegalerie