Full text : Verführt vom Serail (14)

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Europas Blicke auf die Stadt

Sich ein Bild eines fernen Ortes zu machen fällt uns heute naturgemäß leicht –
nicht nur, weil Bilder in digitaler Form quasi universell verfügbar und unbegrenzt
reproduzierbar sind, sondern wir selbst viele Orte mit relativ geringem Aufwand
besuchen und unsere Eindrücke dort photographisch festhalten können. Dagegen
stammt die hier abgebildete Aufnahme (Abb. 3) aus einer Zeit, als Photographie
und Massentourismus gleichsam noch in den Kinderschuhen steckten und noch
keine Verbindung im dauerknipsenden Reisenden unserer Tage eingegangen waren;
 sie entstand um 1890 im Istanbuler Photostudio von Sébah & Joaillier, das
seinen Sitz unweit vom Standort des Photographen im Stadtteil Galata (heute Teil
von

Beyoğlu)

hatte, und gibt den Sultanspalast aus fast derselben Blickrichtung
wie de Jodes Gemälde

wieder.11

Im Jahr 1857 von Pascal Sébah begründet und
bald nach dessen 1886 erfolgtem Tod von Policarpe Joaillier weitergeführt, hatte
sich dieses Studio (neben zahlreichen anderen in Istanbul) auf solche Aufnahmen
von Sehenswürdigkeiten der Bosporusmetropole und von Menschen in landestypischen
 Trachten spezialisiert. Die Abnehmer dieser professionell hergestellten
 Photographien waren vor allem Touristen, die in stetig steigenden Zahlen den
Orient bereisten und dabei fast immer auch die jahrhundertealte Hauptstadt des
Osmanischen Reiches besuchten;   die Aufnahmen fanden den Weg in die weite

Abb. 3: Sébah & Joaillier, Ansicht der Serailspitze mit dem Topkapı Palast, um 1890
Wien, Weltmuseum Wien, Photosammlung, Inv.-Nr. VF 20506
            
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