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Europas Blicke auf die Stadt
Sich ein Bild eines fernen Ortes zu machen fällt uns heute naturgemäß leicht –
nicht nur, weil Bilder in digitaler Form quasi universell verfügbar und unbegrenzt
reproduzierbar sind, sondern wir selbst viele Orte mit relativ geringem Aufwand
besuchen und unsere Eindrücke dort photographisch festhalten können. Dagegen
stammt die hier abgebildete Aufnahme (Abb. 3) aus einer Zeit, als Photographie
und Massentourismus gleichsam noch in den Kinderschuhen steckten und noch
keine Verbindung im dauerknipsenden Reisenden unserer Tage eingegangen waren;
sie entstand um 1890 im Istanbuler Photostudio von Sébah & Joaillier, das
seinen Sitz unweit vom Standort des Photographen im Stadtteil Galata (heute Teil
von
Beyoğlu)
hatte, und gibt den Sultanspalast aus fast derselben Blickrichtung
wie de Jodes Gemälde
wieder.11
Im Jahr 1857 von Pascal Sébah begründet und
bald nach dessen 1886 erfolgtem Tod von Policarpe Joaillier weitergeführt, hatte
sich dieses Studio (neben zahlreichen anderen in Istanbul) auf solche Aufnahmen
von Sehenswürdigkeiten der Bosporusmetropole und von Menschen in landestypischen
Trachten spezialisiert. Die Abnehmer dieser professionell hergestellten
Photographien waren vor allem Touristen, die in stetig steigenden Zahlen den
Orient bereisten und dabei fast immer auch die jahrhundertealte Hauptstadt des
Osmanischen Reiches besuchten; die Aufnahmen fanden den Weg in die weite
Abb. 3: Sébah & Joaillier, Ansicht der Serailspitze mit dem Topkapı Palast, um 1890
Wien, Weltmuseum Wien, Photosammlung, Inv.-Nr. VF 20506