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Das kleine Format des Gemäldes und vor allem die Nahsichtigkeit räumen
einer Charakterisierung des Ambientes keinen Platz ein. Die gesamte Aufmerksamkeit
ist auf das Antlitz der Dame und ihre kostbare Kleidung konzentriert.
Im Zuge der Analyse der Maloberfläche konnte mit einiger Mühe auf der
Höhe der rechten Schulter der Dargestellten die Signatur des Malers entdeckt
werden: »Scipio. Caietanu[s]./faciebat.« Pulzone pflegte die meisten seiner Gemälde
zu signieren. Auch im Porträt der Christine von Lothringen (Florenz, Galleria
Palatina) ist die Signatur »Scipio faciebat 1590« in gleicher Schrift links zu
finden, auf der Höhe der Schulter wie in unserem Gemälde.
Einem zeitgenössischen Zeugnis entnehmen wir die Bestätigung, dass das
Porträt Scipiones seinem Modell gerecht wird. Biancas Aussehen wird nämlich
nachvollziehbar von Michel de Montaigne überliefert, der im Jahre 1581 vom
Großherzogspaar in Florenz empfangen wurde und Gelegenheit hatte, Bianca
anlässich eines Banketts zu bewundern. Er nennt sie »schön gemäß dem italienischen
Geschmack, mit einem gefälligen und gebieterischen Antlitz, mit breitem
Oberkörper und einem Busen, wie er hier gefällt. Dem Herrn von Montaigne
schien es, dass sie die zufriedene Sicherheit ausstrahlt, den Fürsten bezaubert zu
haben und ihn seit langer Zeit in Fesseln zu halten« (»belle à l’opinion Italienne,
un visage agréable & imprieux, le corsage gros, & de tetins à leur souhait. Elle lui
sambla bien avoir la suffisance d’avoir angeolé ce Prince, & de le tenir à sa dévotion
long
tamps«).4
Bianca Cappello
»Aude et
fiet«5
Die Geschichte Bianca Cappellos beginnt mit ihrer Flucht aus Liebe in jugendlichem
Alter, gemeinsam mit dem Florentiner Pietro Bonaventuri: Sie war eine bedenkenlose
– in ihrer Jugend vielleicht sogar leichtsinnige – und zielstrebige Frau,
die mit einer guten Dosis Intelligenz und Effizienz begabt
war.6
Bianca kam um das Jahr 1548 als Tochter von Bartolomeo Cappello und Pellegrina
Morosini zur Welt; beide stammten aus alten und angesehenen venezianischen
Patrizierfamilien. Gemäß den
Quellen7
wuchs Bianca nach dem frühen
Tod ihrer Mutter ziemlich frei und im Grunde wohl wenig behütet auf. Im Alter
von 16 Jahren verliebte das Mädchen sich in Pietro Bonaventuri, einen jungen,
aus Florenz stammenden Angestellten bei der venezianischen Niederlassung der
Florentiner Salviati-Bank, der in der Nähe des Palazzo von Bartolomeo Cappello
in Sant’Aponal im Sestiere von San Polo wohnte. Bonaventuri dürfte Bianca hinsichtlich
der von ihm bekleideten Stellung in der Salviati-Bank angelogen haben,
um sie zu überreden, ihm nach Florenz zu folgen, und man vermutet, dass er ein
Auge auf die Erbschaft von 6.000 Dukaten geworfen hatte, die Bianca von ihrer
Mutter hinterlassen worden waren.
Die beiden Jugendlichen arbeiteten ein Fluchtprojekt aus, das sie im Oktober
1563 mit Hilfe von Bonaventuris Onkel in die Tat umsetzten. Nach ihrer Ankunft