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Ansichtssache #10
Wencke Deiters
„Ziellos schweift sie umher, die wandelbare Fortuna,
nirgends verharrt sie; kein Ort hält sie auf Dauer fest.
Heiter schreitet sie jetzt und jetzt mit bedrohlicher Miene,
bleibt sich in einem nur gleich: in der
Veränderlichkeit.“1
Ovid, Tristia 5, 8, 15–18
Das Thema – die allegorische Darstellung der „Fortuna“
Der allegorischen Darstellung der Fortuna (lat. „Glück“,
„Schicksal“)2
– der
Glücks- und Schicksalsgöttin – widmet sich „Ansichtssache #10“. Fortuna (Abb. 1)
präsentiert sich als geflügelte, auf einem Rad balancierende junge und anmutige
Frau, die ihre Gaben verteilt. Ihre Haare und ein rotes, um die Beine geschlungenes
Tuch wehen im Fahrtwind. Sie schwebt durch die
Lüfte.3
Ihren Kopf hat sie zu
ihrer Rechten gewandt, zur erhobenen geöffneten Hand, der eine Goldkrone mit
Szepter und ein Lorbeerkranz entfallen. Ihre nach unten weisende Linke umfasst
kleine dreizackige, grau-grüne Objekte, die ihr nach und nach aus der Hand gleiten
und heruntertaumeln. Sie werden als Dornen und im Kontext einer anderen
Version als Lotteriescheine gedeutet. Eine – vom Betrachter aus gesehen – von
links außen kommende Lichtquelle lenkt den Blick auf Antlitz und Hände. Hinter
ihrem Haupt erstrahlt eine weitere Lichtquelle.
Anlass der Präsentation ist die Restaurierung dieser kleinen, bislang wenig
beachteten Tafel, deren Ikonographie, Provenienz, Zuschreibung und Datierung
einige Fragen aufwerfen. Ihr Sujet ist in zahlreichen Versionen überliefert und
zeichnet sich durch ein über die Jahrhunderte wechselndes Erscheinungsbild aus.
Diese durch Zeichnung und Gemälde überlieferten Versionen sind im Mittelitalienischen
anzusiedeln und in die 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts zu datieren. Sie
sprechen für eine Entstehung unserer Tafel in diesem Kontext.
Ein Exkurs durch die Jahrhunderte: Fortuna-Darstellungen
im Wandel der Zeiten
Die erstmals in der Antike greifbare Gottheit Fortuna wandelt im Laufe der
Jahrhunderte Erscheinung, Auftritt und Attribute (Abb. 2). Bald stehen profane,
bald christliche Aspekte im Vordergrund. Auch ihr Verhältnis zum Menschen
wird immer wieder neu definiert. Ihr Erscheinungsbild wird u. a. durch die zeitgenössischen
Autoren beeinflusst. Der hier folgende Exkurs konzentriert sich vor