Full text : Ein ungewöhnliches Patrizierporträt (5)

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Ansichtssachen

Um nicht den Eindruck aufkommen zu lassen, dass wir in unserer Ausstellungsreihe


Ansichtssachen

die Italiener zu kurz kommen lassen, präsentieren wir
hier als erstes italienisches Gemälde Bernardino Licinios 1541 datiertes Porträt
des Ottaviano Grimani. Dabei ist es vielleicht kein Zufall, dass mit Francesca del
Torre Scheuch gerade eine gebürtige Venezianerin hier ein zutiefst venezianisches
 Thema aufgegriffen hat: Sehen wir vordergründig nur einen eher auffallend
gekleideten jungen Mann, der ein Buch präsentiert, eröffnet sich durch ihr genaues
 Erforschen der im Bild sichtbaren Elemente bald ein neues, über den Porträtierten
 hinausführendes tieferes Verständnis für die einzigartige Stadt am Wasser
 und deren Bevölkerung im 16. Jahrhundert. Auftraggeber, Künstler, Kleidung
und Bildaufschriften sind dabei die Schlüssel zu diesem Gemälde. Die richtige
Lesung dieser Elemente gibt ein einmalig lebhaftes Bild von der Republik der
Serenissima und ihrer großartigen Verwaltung und ausgeklügelten Politik in der
Zeit der Renaissance.

Bernardino Licinio war in seiner Zeit besonders als Porträtmaler sicher berühmter
 als heute. Am Markt werden seine Bildnisse gelegentlich immer noch unter
 dem Namen Tizians geführt – lehnte er sich ja auch in Präsentation und Malweise
 bisweilen an das große Vorbild an. Doch sein

»bergamaskischer«

Realismus
schlägt fast immer durch und konterkariert jeden Versuch, seine Porträtierten in
edler, abgehobener Pose erscheinen zu lassen. Vorliegendes Bildnis scheint dabei
eine Ausnahme, zählt es doch zu den feinsten und edelsten Kreationen seines
Œuvres; es wurde auch in der kaiserlichen Sammlung stets als solche gewürdigt.

Ansichtssache #6

wird wieder durch den Schauplatzwechsel und den ungewöhnlichen
 Inhalt überraschen. In der »Dulle Griet« von David III. Ryckaert
vereinen sich mehrere sprichwörtliche Vorstellungen von starken Frauen, womit
die Kuratorin einen Bezug zur Stellung der Frau in der Gegenwart herstellt.

Sylvia Ferino
Direktorin der Gemäldegalerie
            
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