Full text : Email versus Pastell. Jean-Etienne Liotard (1702-1789), der Maler der Extreme (2)

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Ansichtssache #2                           Gudrun Swoboda

Jean-Etienne Liotard (1702–1789),

der Maler der Extreme

Jean­Etienne Liotard, 1702 als Sohn französischer Protestanten (Hugenotten) in
Genf geboren und aufgewachsen, zählt zu den bedeutendsten Pastellmalern des
18. Jahrhunderts. Seine lichtvollen, mit hoher formaler Disziplin und größter Präzision
 gemalten Bilder sind aus kunstgeschichtlichen Darstellungen des Jahrhunderts
der Aufklärung kaum wegzudenken. Weniger bekannt ist, dass Liotard zunächst als
Miniaturmaler und Emailleur ausgebildet worden war – in seiner Heimatstadt, die
damals eine Hochburg des Miniaturistenhandwerks war. Erst als Fünfundzwanzigjähriger
 (1727) verließ er seine Heimatstadt, um seine Studien in Paris bei Jean­Baptiste
 Massé, dem führenden Miniaturmaler Frankreichs, fortzusetzen. Da Massé
Mitglied der königlichen Kunstakademie war, bot sich Liotard 1734 – am Ende seiner
 Lehrzeit – die Gelegenheit, sich um den begehrten Malereipreis der könig lichen
Akademie zu bewerben. Diese Bewerbung schlug zwar fehl, Liotard verzichtete jedoch
 nicht auf seine Italienreise. In Florenz machte er die Bekanntschaft von Sir
William Ponsonby, dem späteren 2. Earl of Bessborough, in dessen Gesellschaft er
nicht nur Süditalien, sondern auch Griechenland bereiste, das damals unter osmanischer
 Herrschaft stand. Im Zeitalter des beginnenden Orientalismus war es dann
verlockend, nach Konstantinopel weiter zu fahren. Vier Jahre lang, 1738–1742, hielt
sich Liotard in der großen, lebendigen Stadt am Bosporus auf, kleidete sich in türkischer
 Tracht und ließ sich einen langen Bart wachsen, was ihm später im Westen
den Beinamen „der türkische Maler“ einbringen sollte (Abb. 1). Liotards Selbststilisierung
 als Orientale mag ebenso wie sein kommerzielles Geschick mit dazu beigetragen
 haben, dass er nach seiner Rückkehr zu einem höchst erfolgreichen Portraitmaler
 wurde. Besonders wichtig für seine weitere Karriere war zweifellos auch, dass
er 1743–1745 wohlwollende Aufnahme am Kaiserhof in Wien fand. Sein vielleicht
bekanntestes Pastell, das Schokoladenmädchen (Abb. 2), ist in Wien entstanden.

Berühmt geworden, bewarb sich der Maler um die Mitgliedschaft in der Pariser
Académie Royale – und wurde erneut enttäuscht. Man warf ihm Trockenheit und
Steifheit vor; von akademischer Seite vermisste man, gerade in Frankreich, eine
 gewisse Lebendigkeit und Differenziertheit der psychologischen Charakterisierung.
Liotard, der Kosmopolit, wusste sich jedoch zu helfen und wurde stattdessen Mitglied
 der Accademia di San Luca in Rom. Seit 1757 wohnte er wieder überwiegend
in seiner Heimatstadt, die sich damals zu einem Zentrum der europäischen Aufklärung
 entwickelte und in der insbesondere Naturwissenschaftler – Botaniker, Zoologen
 und Geologen – hohes Ansehen genossen. Da das calvinistische Genf jedoch
kein bedeutendes Zentrum der Kunst war, blieb Liotard bis an sein Lebensende ein
Reisender; sein Aktionsradius schloss auch Amsterdam und London mit ein. In Wien
hielt er sich insgesamt drei Mal auf. Er war hier nicht nur für den Kaiserhof, sondern
auch für die Aristokratie tätig und nahm Aufträge von (um nur zwei Beispiele zu
nennen) Fürst Joseph Wenzel von Liechtenstein und Fürst Wenzel Anton von Kaunitz­Rietberg


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Die meisten Gemälde führte Liotard in Pastelltechnik aus, daneben experimentierte
 er zeit seines Lebens begeistert mit neuen Techniken und schuf auch Farb­
            
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