Full text : Aufgeschlagenes liturgisches Buch um 1520/30, Wien (1)

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Ansichtssache #1                                  Guido Messling

Ein rätselhaftes Stillleben präsentiert sich hier dem Betrachter: ein aufgeschlagenes
liturgisches Buch, das, obgleich es auf den ersten Blick realitätsnah dargestellt ist,
dennoch seltsam unwirklich anmutet (Abb. 1). Es scheint, als würden die reich
verzierten Seiten ein Eigenleben entfalten, denn einige von ihnen werden wie von
 einem Luftzug erfasst und umgeblättert. Hinweise auf eine Benutzung zeigt eine
der beiden rechts am Buchdeckel befestigten Schließen aus Leder, mit denen das
geschlossene Buch zusammengehalten werden konnte; sie ist, ob aus Nachlässigkeit
 oder mit Absicht, im Buchblock eingeklemmt worden, aus dem unten die
Riemenspitze mit der metallenen Spange herausragt. Das Buch, offensichtlich eine
Pergamenthandschrift, sitzt diagonal und mit leicht angewinkelten Buchhälften im
Bildfeld. Wer oder was den Kodex hält bzw. worauf er liegt, ist jedoch nicht auszumachen;
 er schwebt quasi vor einem einheitlich schwarzen Hintergrund. Seltsam
mutet auch die Tatsache an, dass wir heute nicht weniger als fünfzehn weitere
Bilder mit demselben Buchmotiv kennen. Warum gibt es diese vielen Bilder, und
wozu haben sie gedient?

Ein Bild ohne Namen – Ein Buch ohne Namen

Betrachten wir zunächst das Wiener Bild selbst einmal genauer, das wohl einst zur
Kunstkammer auf Schloss Ambras/Innsbruck gehörte. Eine Signatur ist nicht vorhanden,
 ebenso fehlt eine Datierung. Wir können aber anhand der dendrochronologischen
 Untersuchung, d. h. der Analyse der Jahresringe des für die Tafel verwendeten
 Holzes, auf eine Entstehung frühestens nach 1512, wahrscheinlicher sogar
erst nach 1522,

schließen.1

Für ein selbständiges Stillleben wäre dies erstaunlich

Stillleben

Als Stillleben wird ganz allgemein jede bildliche Darstellung lebloser Dinge verstanden.
 In der europäischen Malerei kommen selbständige Stillleben erst im
16. Jahrhundert auf, während sie zuvor nur in größeren Zusammenhängen begegnen,
 etwa als fester Teil einer Wanddekoration oder als Bildelement in einem
Gemälde. Die immer vielfältigeren Motive führten bald zur Etablierung verschiedener
 Benennungen: Jagdstillleben präsentieren etwa totes Jagdwild, während
ein Frühstücksstillleben ein Arrangement von Gefäßen und Speisen auf einem
Tisch zeigt. Häufig besitzen Stillleben eine symbolische Bedeutung. Dies können
besonders die Vanitas-Stillleben veranschaulichen, auf denen Elemente wie Totenköpfe
 an die Vergänglichkeit alles Irdischen gemahnen. Der heute gängige
Begriff leitet sich aus dem Niederländischen her; Gemälde werden dort erstmals
im 17. Jahrhundert als „stil leven“ (stil = unbewegt, leven = Dasein) bezeichnet.
Auch das englische Still Life geht hierauf zurück. Einen anderen Beiklang besitzt
hingegen die in den romanischen Ländern für Stillleben gebräuchliche Bezeichnung
 der „toten Natur“ (natura morta bzw. nature morte).

Zum Ankauf und Schicksal des »Großen
Gartenpalastes« in der Wiener Gemäldegalerie
            
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