Full text : Band 12 (= 104)

Kolja  Thurner

Der  Kaiser  ist  im  Bilde
Erzherzog  Leopold  Wilhelm,  Kaiser  Marc  Aurel
und  ein  Stück  Habsburger  Panegyrik*

Ich  möchte  mich  vielmals  bei  Herrn  HR  Dr.  Alfred
Bernhard-Walcher  für  seine  unentbehrlichen  Informationen ­
  zur  Provenienz  der  Büste  bedanken,  die
in  diesem  Aufsatz  behandelt  wird.  Ohne  seine  Unterstützung ­
  wäre  diese  Publikation  nicht  möglich  gewesen. ­
  Weiters  sei  Dr.  Gabriele  Heike  für  zahlreiche
Anregungen  und  Hinweise  herzlich  gedankt.
1  Karl  Schütz,  Das  Interieur  in  der  Malerei,  München
2009,  123.
2  Teniers’  Galeriebilder  geben  jedoch  nicht,  wie  früher
vermutet,  naturgetreu  die  Räume  des  Brüsseler  Palais
wieder,  sondern  entsprechen  im  Aufbau  vorgeprägten
Raumtypen  des  Genres.  Vgl.  Erwin  Pokorny,  Eine
Entwurfszeichnung  von  David  Teniers  II  zu  seinem  ersten ­
  Galeriebild  für  Leopold  Wilhelm,  in:  Jahrbuch  des
Kunsthistorischen  Museums  Wien  8/9,  2006/2007,
192-201,  hier:  195  f.  Jüngst  wurde  im  Gartenausblick ­
  des  Galeriebildes  in  Petworth  (Abb.  2)  ein  Hinweis ­
  auf  eine  realistische  Wiedergabe  vermutet:  Margret ­
  Klinge  in:  Ausstellungskatalog  Ernst  Vegelin  van
Claerbergen  (Hg.),  David  Teniers  and  the  Theatre  of
Painting,  London  2006,  72.  Vgl.  dazu  Renate  Schreiber, ­
  Darstellungen  der  Galerie  von  Erzherzog  Leopold
Wilhelm  bei  David  Teniers  d.  J.  —  Fiktion  oder  Wirklichkeit?, ­
  in:  Römische  Historische  Mitteilungen  48,
2006,  347-358.
3  Elisabeth  Honig,  The  beholder  as  work  of  art.  A  study
in  the  location  of  value  in  seventeenth  Century  Flemish
painting,  in:  Nederlandse  Kunsthistorisch  Jaarboek
46,  1995,253-279,  hier:  278.
4  AK  London  2006  (zit.  Anm.  2).
5  Gudrun  Swoboda,  Die  Wege  der  Bilder.  Eine  Geschichte  der
kaiserlichen  Gemäldesammlungen  von  1600  bis  1800,
Wien  2008,721

Abb.  1:  David  Teniers  d.  ].,  Erzherzog  Leopold  Wilhelm ­
  in  seiner  Gemäldegalerie.  1651■  Wien,  Kunsthistorisches
  Museum,  Gemäldegalerie,  Inv.-Nr.739.

Die  opulenten  Bilderwände  der  gemalten  Galerien  David  Teniers’  d.J.
gewähren  aufschlussreiche  Einsichten  in  die  für  das  Kunsthistorische
Museum  in  Wien  grundlegende  Sammlung  Erzherzog  Leopold  Wilhelms
(1614  -  1662),  in  historische  Sammelpraxis  und  geschickte  Medienpolitik.
Eine  Antwerpener  Sonderform  des  Interieurs,  deren  gemalte  Kunstkammern ­
  sich  zumeist  aus  fiktiven  Sammlungen  speisten  und  die  programmatisch ­
  Historie,  Stillleben  und  Allegorie  in  sich  vereinte 1 ,  füllte  der  Maler
neuerlich  mit  zweifellos  Aufsehen  erregenden  Porträts  eines  auch  real  zu
bestaunenden  herrschaftlichen  Sammlungsbesitzes 2 .  Leopold  Wilhelm,
Statthalter  der  habsburgisch-spanischen  Niederlande  (1647-1656),  rangiert ­
  mit  Kaiser  Rudolf  II.  und  Erzherzog  Ferdinand  II.  von  Tirol  unter
den  bedeutendsten  Kunstsammlern  seines  Hauses.  Dem  Wandel  zeitgenössischer ­
  Sammlungsvorlieben  entsprechend,  zielte  der  Habsburger  in
Brüssel  mit  dem  dezidierten  Primat  der  Malerei  vor  Skulpturen  und  übrigen ­
  Kunstgegenständen  auf  die  Schaffung  einer  modernen  „galeria“,  die
sich  zusehends  vom  Modell  der  enzyklopädischen  Kunst-  und  Wunderkammern ­
  seiner  Vorgänger  abhob,  wie  sich  auch  die  Kunst  von  den  Wissenschaften ­
  emanzipierte  und  „knowledge  about  art,  rather  than  art  itself
as  the  Container  of  knowledge“ 3  als  eine  Losung  der  Kunstbetrachtung
gelten  kann.
Als  Auftraggeber  des  ersten  gedruckten  und  mit  Stichen  illustrierten  Kataloges
  einer  Gemäldesammlung  in  der  Kunstgeschichte,  des  Theatrum
Pictorium  (1660),  ließ  der  stolze  „liefhebber  der  schildereyen“  seinen  Hofmaler ­
  David  Teniers  d.J.  (1610-1690)  ausgewählte  italienische  Meisterwerke ­
  einem  breiten  internationalen  Publikum  präsentieren 4 .  Mit  klugem
Sinn  für  die  mediale  Propagandierung  seiner  Kunstschätze  gab  er  beim
Pintor  da  Camera  auch  die  elf  bekannten  gemalten  Galerien  als  ein  Werkzeug ­
  habsburgischer  Repräsentation  und  wohl  gezielter  bildhafter  Kommunikation ­
  in  Auftrag.  Angesichts  der  demütigend  traumatischen  Ereignisse ­
  in  Prag,  der  am  26.  Juli  1648  erfolgten  schwedischen  Plünderung  der
dortigen,  vor  allem  von  Rudolf  II.  angehäuften  Kunstschätze,  wird  die
hochwertige  Kollektion  des  Erzherzogs  auch  politisch  Habsburger  Prestige
demonstriert  haben.  Für  seinen  Bruder  Kaiser  Ferdinand  III.,  ebenfalls  ein
Kunstliebhaber  und  seinerseits  bestrebt,  die  durch  die  Plünderung  geleerte
Prager  Galerie  wieder  aufzufüllen,  hatte  Leopold  Wilhelm  zahlreiche  Gemälde ­
  aus  der  Sammlung  des  Herzogs  von  Buckingham  erworben,  ihm
aber  auch  selbst  wiederholt  Bilder  zum  Geschenk  gemacht 5 .  Unter  diesen
Präsenten  ging  das  -  heute  im  Kunsthistorischen  Museum  erhaltene  -
erste  und  größte  aus  der  Reihe  der  Galeriebilder  an  den  Hof  in  Prag
(Abb.  1).  Der  befreundete  Sammler  und  Genter  Bischof  Anton  von  Triest
war  Empfänger  einer  leicht  veränderten  und  1651  datierten  Kopie  in
Petworth  (Abb.  2),  andere  Galeriebilder  dienten  als  zwischenhöfische  Geschenke ­
  u.  a.  für  Madrid  und  München.
            
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