HANS
HOLBEIN
D.
J.:
JANE
SEYMOUR
19
Ärmels exakt der Zeichnung und der Werkstattversion
im Mauritshuis entspricht und der Brokat nachträglich
darüber gelegt wurde. Die Veränderungen bei der lin-
ken Manschette korrespondieren ebenfalls mit der
Zeichnung, wobei die ursprüngliche, nach unten spitz
zulaufende Fältelung in die heute sichtbare Darstellung
eingebunden wurde. Die leichte Verbreiterung rechts
wurde über dem Rot aufgetragen (vgl. Abb. 2 und 7).
Weitere Korrekturen finden sich bei den Stoffbauschen
des Hemdes, die aus dem Ärmel hervorquellen – sie
wurden leicht vergrößert und überlagern dabei die
umgebende Malschicht.
Auffallend sind das relativ stark ausgeprägte Craquelé
und die auch etwas weniger glatte Oberfläche der Mal-
schicht im Dekolleté. Betrachtet man die Röntgenauf-
nahme, wird deutlich, dass dieser Bereich einen
wesentlich höheren Bleiweißanteil aufweist. Besonders
gut ist dieser Unterschied an der Grenze zwischen Ge-
sicht und Hals, die dem Verlauf der Kinnlinie ent-
spricht, sichtbar. Möglicherweise handelt es sich auch
hier um ein
Pentiment30.
3. RESTAURIERGESCHICHTE UND
ERHALTUNGSZUSTAND
3.1 Bildträger und Formatfrage
Das heute vorliegende Bildformat entspricht nicht den
originalen Maßen; die Tafel wurde vermutlich an allen
Seiten geringfügig
beschnitten31.
An den Rändern reicht
die Malschicht bis unmittelbar an die (Schnitt-)Kante,
ein unbemalter Rand oder ein Grundiergrat ist nicht
erhalten geblieben. Seitlich wurde die Tafel mit Anset-
zungen wieder vergrößert, die auch malerisch ergänzt
wurden (Abb.
1)32.
Was war der Anlass für diese Formatveränderungen,
und lassen sie sich zurückverfolgen? Im Storfferschen
Inventar ist die Tafel noch eindeutig schmäler, also ohne
die Ansetzungen, abgebildet (Abb. 18). Die erste Er-
wähnung des Bildes, die auch seine Maße angibt,
stammt von Mechel, der ein Format von 60,6 x 47,4 cm
(Lichtmaß)
nennt33.
Vergleicht man die heutigen Bild-
maße mit den Lichtmaßen bei Mechel, scheinen die
Angaben für die Bildhöhe im Verhältnis zur Bildbreite
30Eine Möglichkeit bestünde darin, dass Holbein die Kleidung veränderte und Jane Seymour ursprünglich
ein hochgeschlossenes Hemd trug. Vielleicht hat Holbein in diesem Bereich aber auch gezielt mehr Bleiweiß
und einen stärkeren Farbauftrag verwendet, um die noble Blässe der Dargestellten besonders hervorzuheben.
31Die untere Schnittkante verläuft leicht schräg, von links nach rechts um 3 mm abfallend.
32Links um 4,1 cm (aus 2 Leisten bestehend), rechts um 3,1 cm; Tafelmaße ohne Ansetzungen:
65,1 (bzw. 65,4) x40,6 cm.
33Ein Eintrag im Prager Inventar von 1737 wird von Engerth widersprüchlich mit dem Bildnis der Jane
Seymour identifiziert, das sich bereits in Wien befindet (vgl. Anm. 3). Allerdings differieren die Maßangaben
mit 22 Zoll für die Höhe und 18 Zoll für die Breite nur marginal mit den Angaben bei Mechel 1783 (zit.
Anm. 3; 1 Fuß 11 Zoll hoch, 1 Fuß 6 Zoll breit). Die Umrechnung erfolgte mit dem Wiener Fuß (= 0,316 m).
Rechnet man mit dem Prager Fuß (= 0,302 m), erhält man ein Maß von 57,9 x 45,3 cm.
Abb. 18: „Ein junges Weibsbild von Johan Holbein“,
aus dem gemalten Inventar Storffers, Bd. I, 1720, 216.